Bearbeiten Sie folgenden
Textausschnitt:
S. 101 („In der Tasche der Pfeife ...“) – S.
108 (... das kleine
Unglück wurde in letzter Sekunde gerade noch verhindert.“)
Berücksichtigen Sie dabei folgende Anweisungen:
1. Fassen Sie den Inhalt der Textstelle zusammen und ordnen Sie diese in
den Romanzusammenhang ein!
2. Deuten Sie die Darstellung der Situation und der Personen unter Berücksichtigung
von Erzählweise und Sprache.
Die literarische Gestaltung der
Judenverfolgung während des „Dritten Reiches“ war für die
Schriftstellergeneration der Nachkriegszeit wegen der Ungeheuerlichkeit
des Geschehens ein Problem. Jurek Becker, selbst Jude, der seine frühe
Kindheit in einem Ghetto verbracht hat, hat diese Thematik in seinem
wohl bekanntesten Werk gestaltet.
In seinem Roman „Jakob der Lügner“
schildert Jurek Becker die letzten Wochen in einem polnischen Ghetto während
des 2. Weltkriegs vor dessen Räumung. Der Titelheld Jakob Heym versucht
durch seine Lüge, ein Radio zu besitzen, den Ghettomitbewohnern die
Hoffnung zu geben, dass sie schon bald von den Russen befreit würden.
Der Textausschnitt (S. 101 – 108), der im Folgenden interpretiert
wird, befindet sich etwa nach dem ersten Drittel des Romans.
Vorausgehend wird erzählt, dass Jakob Heym, die Hauptperson, von einem
deutschen Wachtposten mit der Behauptung, dass er verbotenerweise in der
Sperrstunde noch außerhalb seiner Wohnung sei, auf das „Revier“
geschickt. Dort hört er zufällig im Radio vom Vordringen der Roten
Armee, was die Befreiung des Ghettos in absehbarer Zeit bedeuten könnte.
Wider Erwarten wird Jakob eine Bestrafung erlassen. Sein Wissen vom
Vormarsch der Russen muss Jakob für sich behalten, denn niemand würde
ihm glauben, dass er das „Revier“ lebend verlassen konnte. Als sein
Freund Mischa auf dem Verladebahnhof von Hunger getrieben Kartoffeln
stehlen will und damit in Todesgefahr gerät, gibt Jakob sein Wissen
preis. Weil Mischa ihm nicht glaubt, behauptet Jakob, ein Radio zu
besitzen. So kann er diesen abhalten und ihm womöglich das Leben
retten. Mischa jedoch behält die Behauptung Jakobs nicht für sich.
Schon bald weiß ein großer Teil der Ghettobewohner von Jakobs
angeblichem Radiobesitz. So besucht Mischa noch am selben Tag die
Familie Frankfurter, mit deren Tochter Rosa er eng befreundet ist, um
ihr dies mitzuteilen. Herr Frankfurter ist keineswegs erfreut. Er selbst
besitzt ein Radio, das er aus Furcht jedoch noch nie eingeschaltet hat
und jetzt aus Angst zerstört. Jakob, von den anderen Ghettobewohnern
gedrängt, muss neue Informationen über einen Vorstoß der Russen
erfinden, um ihnen nicht die überlebensnotwendige Hoffnung zu nehmen.
Die Ghettobewohner sind weitgehend „verrückt“ (S. 83) vor Freude,
„die Selbstmordziffern sinken auf Null“ (S. 83). Sie verlieren teils
ihre Furcht, andere jedoch sind erst recht voller Angst, da Radios im
Ghetto bei Todesstrafe verboten sind. Zu letzteren gehört auch Herschel
Schtamm, der zu Gott um Hilfe betet, die auch, seiner Meinung nach,
prompt in Form eines Stromausfalls eintrifft. So entkommt Jakob vorerst
dem Zwang, neue Lügen erfinden zu müssen. Als er schließlich erfährt,
dass verzweifelte Juden mit allen Mitteln versuchen wollen, sein Radio
wieder zum „Sprechen“ zu bringen, muss er sich neue Informationen
besorgen. An dieser Stelle ist der vorliegende Textausschnitt
einzuordnen.
Während Jakob am Verladebahnhof seiner Arbeit nachgeht, sieht er, wie
„Pfeife“, ein deutscher Wachsoldat, mit einer Zeitung in der Tasche
das ausschließlich Deutschen vorbehaltene Klosett aufsucht. Schlagartig
kommt ihm dabei der Gedanke, sich, sobald der Wachposten das Klo verlässt,
verbotenerweise und in Kenntnis der Lebensgefährlichkeit dieses Tuns
dorthin zu begeben, um zumindest Reste der Zeitung in Besitz zu
bekommen. Denn schließlich könnte er damit weitere Neuigkeiten über
die politische Lage erfahren. Sobald „Pfeife“ das Klosett verlassen
hat, läuft Jakob, unbemerkt von den Wachposten, dorthin und findet auch
tatsächlich noch Reste der Zeitung vor, die er schleunigst an sich
nimmt. Doch bevor er das Klosett wieder verlassen kann, kommt ein
anderer Wachsoldat, der mit der Begründung, er „habe Durchfall“
(106), dringend Zugang begehrt. Jakob befindet sich in höchster
Lebensgefahr. Zwar hat der Soldat die tatsächlichen Umstände nicht
erkannt, doch ist für Jakob ein Entkommen nicht möglich, es sei denn,
dass ein „Wunder“ (106) geschieht. Kowalski, Jakobs Freund, hat das
gesamte Geschehen in höchster Sorge beobachtet. Um Jakob zu retten, lässt
er einen Kistenberg einstürzen und lenkt so den Wachsoldaten ab. Dieser
schlägt ihn zwar deshalb brutal zusammen, doch Jakob kann währenddessen
aus dem Klo unbemerkt entkommen. Er ist nun im Besitz der Zeitungsreste,
wenn auch deren Informationsgehalt eher gering ist und den lebensgefährlichen
Einsatz nicht lohnte.
Auf Grund dessen beschließt Jakob im weiteren Verlauf des
Romangeschehens, das Radio „sterben“ zu lassen, und sagt den
Ghettobewohnern, es sei kaputt. Während der Arbeit am Verladebahnhof am
nächsten Tag hört Herschel Schtamm Stimmen aus einem Waggon, in dem
offenbar Menschen in ein Vernichtungslager transportiert werden. Der
sonst so ängstliche Schtamm geht zum Waggon und spricht den
Todeskandidaten Hoffnung auf eine vermeintlich bevorstehende Befreiung
zu. Dabei wird er von einem Posten erschossen. „Er wollte Hoffnung
weitertragen und ist daran gestorben“ (S. 140). Jakob fühlt sich für
Schtamms Tod verantwortlich, da er ihn mit seiner „Radiolüge“ zum
Heldentum verleitet hat. Als Jakob nach Hause kommt, erwischt er Lina,
seine kleine Pflegetochter, die er verbotenerweise versteckt, weil sie
ihre Eltern verloren hat, wie sie sein Zimmer nach dem Radio durchsucht.
Jakob wird klar, dass er weitere Lügen erfinden muss, wenn selbst
Kinder von der Hoffnung auf seine Nachrichten leben und verzagte Leute
wie Herschel Schtamm ihr Leben riskieren. Durch Jakobs neuerliche
„Informationen“ leben die Ghettobewohner wieder auf. Nur Professor
Kirschbaum, ein ehemals angesehener Herzspezialist, macht Jakob Vorwürfe,
weil das Radio das ganze Ghetto in Gefahr bringe. Doch auch Kirschbaum
begreift schließlich, dass Jakob den Ghettobewohnern Hilfe in ihrer Not
ist. Schließlich wird Professor Kirschbaum von der Gestapo abgeholt, um
den Gestapochef Hardtloff, der einen Herzanfall hatte, zu behandeln.
Kirschbaum befindet sich damit in einer misslichen Situation. Hilft er,
wird er im Ghetto verachtet werden, stirbt Hardtloff, werden die Nazis
ihn töten. Daher begeht Kirschbaum auf der Fahrt Selbstmord. Als die
Deportationen weitergehen, erkennt Mischa, dass auch Rosa in Gefahr ist.
Er hält sie davon ab, in ihre Wohnung zurückzukehren, ihre Eltern kann
er vor der Deportation nicht retten. Jakob kapituliert. Seine Hoffnung
auf Befreiung ist zusammengebrochen. Deshalb gesteht er Kowalski seine
„Radiolüge“ mit der Folge, dass sich auch sein Freund Kowalski aus
Verzweiflung umbringt. So entschließt sich Jakob, das Radio wieder
„sprechen“ zu lassen, denn er befürchtet, dass die anderen
Ghettobewohner so wie Kowalski verzweifeln könnten. Der Erzähler des
Romans schließt mit zwei verschiedenen Enden die Geschichte von Jakob
ab. Zunächst bringt er einen erfundenen Schluss: Jakob trennt sich
seine Judensterne von der Kleidung und geht mit einer Zange zum
Absperrzaun, um zu fliehen, doch er wird von einem Wachposten
erschossen. In diesem Augenblick wird das Ghetto von den Russen befreit.
Den zweiten Schluss, den der Erzähler anfügt, nennt er das
„blasswangige und verdrießliche, das wirkliche und einfallslose“
(S. 272) Ende von Jakobs Geschichte. Das gesamte Ghetto erhält den Räumungsbefehl:
Es erfolgt der Abtransport in ein Vernichtungslager. Als einziger überlebt
schließlich der Erzähler des Romans.
Die Darstellung von Situation
und Personen verdeutlicht die Aussageabsicht Beckers. Zur Situation
ist zu sagen: Während der NS-Herrschaft in Deutschland spielte deren
Rassenideologie eine sehr große Rolle. Gegner des Nationalsozialismus,
Sinti und Roma, aber in besonderer Weise jüdische Menschen wurden als
minderwertig angesehen. Die „arische Rasse“ wurde als die der
Herrenmenschen betrachtet, Juden hingegen galten als Ungeziefer, als
„Laus“ oder „Wanze“ (S. 21). Diese Idee wurde während des
Hitler - Regimes immer radikaler umgesetzt. So wurden wieder Ghettos
errichtet, in denen Juden unter menschenunwürdigen Verhältnissen
lebten, und schließlich fand die berüchtigte Wannsee – Konferenz
statt, in der die „Endlösung“ beschlossen wurde, was die
systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Konzentrations-
und Todeslagern wie zum Beispiel Auschwitz, Treblinka oder Majdanek zum
Ziele hatte.
Der vorliegende Textausschnitt
nimmt seinen Verlauf an einem für die Darstellung des Verhältnisses
zwischen Juden, den Unmenschen, und Deutschen, den Herrenmenschen, ungewöhnlichen
Ort, nämlich einem Klosett, das nur für Deutsche reserviert
ist. In der traditionellen Literatur wäre ein solcher Handlungsort völlig
unmöglich. Becker will mit dieser Lokalisierung das Zusammentreffen von
Deutschen und Juden ins Komische und Groteske ziehen. Es ist eigentlich
abwegig, für die natürlichsten Bedürfnisse aller Menschen getrennte
Orte einzurichten, da in Beziehung auf die menschlichen Grundbedürfnisse
alle Menschen unabhängig von ihrem Alter, ihrem Geschlecht, ihrer
Intelligenz oder auch ihrer Rasse gleich sind. Darüber hinaus wird in
vorliegendem Textabschnitt die Abhängigkeit des Deutschen, der ein
dringendes Bedürfnis hat, von Jakob, einem Juden, dargestellt, was in
Anbetracht der nationalsozialistischen Rassenideologie die Szenerie ins
Komische wendet (Situationskomik). Der Deutsche, der auf dem Weg zum
Toilettenhäuschen bereits sein Koppel gelöst hat, wird, als er die Türe
öffnet, auf dem Klo von Jakob überrascht. Er entschuldigt sich höflichst
bei dem Juden für sein Missgeschick und muss nun, von Durchfall
geplagt, warten. Der Übermensch ist davon abhängig, dass ein Jude, der
unrechtmäßig das Klohäuschen blockiert, ihm Platz macht, da
andernfalls ein „kleine(s) Unglück“ (S. 108) geschähe. Nun
„spaziert er auf und ab, weil man es so leichter aushält als im
Stehen“ (S. 105), und fleht Jakob an, sich zu beeilen, da er Durchfall
habe. Hierbei redet er den Juden sogar mit „Kamerad“ an (S. 106),
beklagt sich über den Heimaturlaub eines Kollegen und über die
„Knoblauchfresser“ (S. 106), als rede er zu Seinesgleichen. Jakob
hingegen sieht vorerst nur eine Möglichkeit, seinem sicheren Tode zu
entgehen, indem er den Weg durch „ihren Mist“ nimmt (S. 105), wie es
einem Juden nach den rassistischen Vorstellungen der Nationalsozialisten
gebühren würde. Jakob verlässt am Ende jedoch unbeschadet auf dem gewöhnlichen
Weg das Toilettenhäuschen. Eine derartige Gegebenheit muss auf den
Leser erheiternd wirken.
In seiner wohl ausweglosen
Situation war sich Jakob über die möglichen Folgen seines gewagten
Unternehmens im Klaren. Er war gezwungen, sich eine neue
Informationsquelle zu besorgen, da seine Phantasie an ein Ende gekommen
war und er seine erfundenen Nachrichten beglaubigt haben wollte. Um
seinen Ghettomitbewohnern weiterhin Hoffnung vermitteln zu können, lässt
sich Jakob auf das lebensgefährliche Unternehmen ein, obwohl er sich
bewusst ist, dass die Zeitung wahre oder auch erlogene Berichte (S. 102)
enthalten könnte. Trotz der Gefährlichkeit seines Tuns berechnet er
offensichtlich seelenruhig, als wäre es das Normalste in seiner
Situation, den möglichen Toilettenpapierverbrauch der „Pfeife“ und
stellt sich die Frage, ob dieser wohl ein „Geizhals“ oder ein
„Verschwender“ sei. Becker stellt hier in erster Linie geradezu
ironisch nicht das Eigentliche, nämlich die Todesgefahr für Jakob
heraus, sondern die subjektive Reaktion Jakobs, die in völligem
Widerspruch steht zur Gefährlichkeit der Umstände. In seiner nach
menschlichem Ermessen ausweglosen Situation erkennt Jakob schließlich,
dass nur ein „Wunder“ ihn retten kann. An diesem „Wunder“ wurde
jedoch schon „gearbeitet“ (S. 106). Kowalski, Jakobs alter Freund,
der sonst eher ängstlich ist, inszeniert einen Einsturz des
Kistenstapels zur Rettung Jakobs. Der von Durchfall geplagte Deutsche stürmt
nun trotz seines dringenden Bedürfnisses zu Kowalski und schlägt ihn
brutal zusammen. Durch diesen „Taschenspielertrick“ (S. 107) ist es
Kowalski gelungen, den Deutschen, den Übermenschen, hereinzulegen und
Jakob somit das Leben zu retten. Der Untermensch Jude ist in der Lage,
ein „Wunder“ zu vollbringen, also etwas, was nur eine übermenschliche
Macht kann. Durch diese ironische Darstellung der Situation gelingt es
Becker, Distanz zwischen Leser und Geschehen zu bewirken und das Gefährliche
der Situation sowie die „Heldentat“ Jakobs durch eine eher spaßige
Darstellung zu relativieren.
Jurek Becker lässt in seinem Roman
„Jakob der Lügner“ auffällig viele Personen auftreten,
wobei er eine klare Trennlinie zwischen den Deutschen, den Tätern, und
den Ghettobewohnern, den Juden, zieht. Es gibt jedoch starke
Unterschiede bei der Darstellung der Figuren. Neben sehr deutlich
charakterisierten Menschen findet man auch kaum umrissene Personen.
Ebenfalls auffallend sind die Zweiergruppen, die in naher Beziehung
stehen, aber sehr unterschiedlich dargestellt werden. Die Deutschen, die
Bewacher des Ghettos, werden nur am Rande erwähnt und stärker als die
Juden typisiert. Sie sind zwar die „Herren über Leben und Tod“,
doch in Beckers Roman nehmen sie lediglich die Rollen von Nebenfiguren
ein. Mit ihren Namen beziehungsweise Spitznamen werden nur Preuß und
Meyer, der in vorliegender Szene auftretende „Pfeife“ und der
Gestapochef Hardtloff genannt. Von den Juden werden mehrere
Personenpaare mit Namen bezeichnet, wobei der Rest nur als die Gruppe
der Ghettobewohner auftritt, der auch der Erzähler angehört. Mit Jakob
Heym, der Hauptperson, werden sowohl Lina, ein Waisenkind, das Jakob bei
sich versteckt hält, als auch Kowalski, Jakobs alter Freund, in
Verbindung gebracht. Hierbei liegt zwar keine Zweiergruppe vor, doch
Lina und Kowalski sind die beiden Menschen, die Jakob am nächsten
stehen. Außerdem werden Mischa, ein weiterer Freund Jakobs, und seine
Freundin und zukünftige Frau Rosa genannt mit deren Eltern, Herrn und
Frau Frankfurter. Schließlich treten die Zwillingsbrüder Herschel und
Roman Schtamm und Professor Kirschbaum mit seiner Schwester Elisa auf.
In dem zu behandelnden
Textausschnitt finden sich fünf Deutsche: Drei Posten werden
genannt: „Einer steht langweilig am Tor, einer sitzt auf einem
Waggontrittbrett, beruhigend weit, der dritte ist nirgends zu sehen,
vermutlich im Haus, oder er schläft versteckt“ (S. 103). Diese drei
Personen werden aber nur kurz erwähnt. Sie sind zu weit vom Geschehen
entfernt, um auf die Handlung Einfluss zu nehmen. Zudem tritt „Pfeife“
auf, ein Mann in Eisenbahneruniform, der seinen Namen einer
Trillerpfeife verdankt, die er stets mit einer schwarzen Kordel am
Knopfloch befestigt trägt und die den einzigen Laut erzeugt, den die
Juden je von ihm gehört haben, bis auf das Geräusch, das „Pfeifes“
Holzbein bei jedem Schritt macht (S. 36). Auf Grund dessen halten ihn
einige der Juden für stumm (S. 37). „Pfeife“ ist in vorliegendem
Ausschnitt nur für Jakob von Bedeutung, da sich in seiner Tasche die
Zeitung befindet, als er auf die Toilette geht. Aus der Sicht der übrigen
Ghettobewohner wird der Eisenbahner nicht als Mensch angesehen, sondern
vielmehr als ein Neutrum, „was an ihnen vorüberhinkt“ (S. 101).
„Pfeife“ wird ebenso wie die anderen Deutschen in dieser Szene
abwertend dargestellt, nicht mehr als „Übermensch“, wie sich die
Deutschen selbst angesehen haben, sondern vielmehr als ein Lebewesen,
das seinen Bedürfnissen nachgeht. Ein weiterer Deutscher, der in
vorliegendem Abschnitt genannt wird, ist ein Soldat, der Jakob im
unverschlossenen Klohäuschen vorfindet. Auch dieser wird in eher
komischer und Heiterkeit erregender Situation dargestellt, nämlich wie
er, von Durchfall gequält, auf einen Juden angewiesen ist, dass dieser
ihm Platz macht, da sonst ein „kleine(s) Unglück“ (S. 108)
passiert. Er ist in dieser Lage keiner der „Herrenmenschen“ mehr,
sondern eine Person wie jede andere auch, die ihren menschlichen
Grundbedürfnissen nachgeht. Es wirkt komisch, wie er sich, im Glauben,
einen Deutschen vor sich zu haben, höflichst bei Jakob entschuldigt,
als er ihn auf dem Klosett überrascht, und über einen Marotzke
schimpft, der schon wieder Heimaturlaub habe, während er bei den
„Knoblauchfressern“ bleiben müsse (S. 106). Jakob Heym
hingegen erscheint, ebenso wie sein Freund Kowalski, als Held, als Held
„für euch (die Ghettobewohner) und für (s)ich“ (S. 102). Obwohl
Jakob äußerlich gesehen kaum als ein Held bezeichnet werden kann (er
ist klein, schmächtig und ängstlich (S. 9, 20, 44)), sieht ihn der Erzähler
als Helden: „... ich will erzählen, daß er ein Held war. Keine drei
Sätze sind ihm über die Lippen gekommen, ohne daß von seiner Angst
die Rede war, aber ich will von seinem Mut erzählen“ (S. 44). Zu
Jakob passt keineswegs das Klischee eines großen, starken und
heroischen Helden, eher die allgemeine Definition: Ein Held ist jemand,
der sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt.
Demnach kann Jakob sicherlich als Held bezeichnet werden. Zum einen
verbirgt und ernährt er die Waise Lina und rettet ihr somit das Leben
trotz der Gefahr, von SS-Leuten erwischt und ermordet zu werden. Auch
Mischa rettet er mit großer Wahrscheinlichkeit das Leben, als er ihn
mit der Radiolüge davon abhält, Kartoffeln zu stehlen und dabei selbst
das unkalkulierbare Risiko eingeht, dass Mischa sein Wissen nicht für
sich behält. Schließlich nimmt er mit „Unerschrockenheit und Mut“
die „schwere Aufgabe“ an, seine Ghettomitbewohner mit neuen
Informationen über die politische Lage zu versorgen. Er leistet keinen
offenen Widerstand, doch indem er den Ghettobewohnern Hoffnung auf eine
mögliche Befreiung in absehbarer Zeit vermittelt, rettet er mit sehr
großer Wahrscheinlichkeit vielen von ihnen zumindest für kurze Zeit
das Leben. Als seine Phantasie schließlich an ein Ende gekommen ist,
beschafft er sich unter Einsatz seines Lebens die Zeitung aus dem
deutschen Klohäuschen. In der eher ironisch und grotesk dargestellten
Tat steht nicht ein pathetisches „Heldentum“ im Vordergrund, sondern
vielmehr die lächerliche Situation und der Taschenspielertrick, durch
den die „Unmenschen“, die „weniger als Dreck“ (S. 9) sind, die
„Herrenmenschen“ überlistet haben. Mit diesem Taschenspielertrick
rettet nun der zweite Jude in diesem Textabschnitt, Kowalski,
seinem Freund das Leben, als dieser in der scheinbar ausweglosen
Situation steckt, auf dem deutschen Klosett entdeckt und von der Gestapo
gefasst zu werden. Der eigentlich eher ängstliche Kowalski bringt für
seinen Freund einen Kistenstapel auf dem Verladebahnhof zum Einsturz, da
er Jakob als Hoffnungsträger des gesamten Ghettos ansieht. Er wird dafür
brutal zusammengeschlagen und kommt buchstäblich mit einem blauen Auge
davon. Kowalski liegt an seinem Freund demnach sehr viel. Er rettet
dessen Leben, zumal er gar nicht weiß, warum Jakob unbedingt auf das
deutsche Klosett gehen wollte, und dies für eine seiner wahnsinnigen
Ideen (S. 104) hält. Kowalski wird in dieser Szene als furchtloser Held
dargestellt, doch wenig später wird deutlich, dass er nur durch Jakobs
vermeintlich gute Nachrichten die Hoffnung nicht aufgegeben hat. Als
dieser ihm die Wahrheit bekennt, begeht Kowalski kurz darauf Selbstmord.
Hinsichtlich der Erzählperspektive
lässt sich Jurek Beckers Roman „Jakob der Lügner“ nur schwer
analysieren, da sowohl ein auktorialer Erzähler, der zugleich als ein
Ich – Erzähler auftritt, als auch personal erzählte Passagen
vorliegen, welche insgesamt nur schwer voneinander abgetrennt werden können.
Der auktoriale Erzähler wurde ungefähr 1921 geboren und lebt jetzt als
etwa 46-jähriger im Jahre 1967 in Deutschland. Während des 2.
Weltkriegs war er selbst Gefangener des Ghettos in Lodz, lebt jetzt
jedoch in Freiheit. Somit steht er als „allwissender“ Erzähler außerhalb
der Handlung und kommentiert, ordnet und ergänzt Hintergrundwissen aus
diesem Blickwinkel des Geschehens. Er hat als Vermittler der Geschichte
seinen Platz sozusagen an der Schwelle zwischen der fiktiven Welt des
Romans, der Wirklichkeit des Autors und der des Lesers. Dieser
auktoriale Erzähler ist jedoch außerdem ein Teil der erzählten Welt.
Als einer der Ghettomitbewohner Jakobs berichtet er immer wieder aus der
Zeit der NS-Herrschaft mit dem Wissen der Juden zu diesem Zeitpunkt als
Ich - Erzähler. Er selbst weiß zu dieser Zeit nichts von Jakobs Radio
und spricht von sich nur als einem der vielen Ghettobewohner. Von Jakob
und seinem erfundenen Radio erfährt der Ich - Erzähler erst bei seinem
Abtransport in ein Vernichtungslager, als dieser ihm seine gesamte
Geschichte darstellt. Als der einzige Überlebende des Ghettos, kann er
nun aus der Sicht des „Allwissenden“ die Erlebnisse Jakobs auch als
auktorialer Erzähler wiedergeben. Seine Informationen über den Verlauf
des Geschehens hat er also zum einen Teil von Jakob und Mischa (S. 43
f.) und zum anderen Teil entspringen sie seiner eigenen Phantasie und
seiner Vorstellung, wie es am Wahrscheinlichsten abgelaufen sein könnte.
Es liegen in diesem Roman jedoch auch personal erzählte Textpassagen
vor, in denen der Erzähler auf seine Einmengung verzichtet. Er tritt so
weit hinter den Charakteren des Romans zurück, dass seine Anwesenheit
dem Leser nicht mehr bewusst wird. Dem Leser öffnet sich so die
Illusion, er befände sich selbst auf dem Schauplatz des Geschehens oder
er betrachte die dargestellte Welt mit den Augen einer Romanfigur, die
jedoch nicht erzählt, sondern in deren Bewusstsein sich das Geschehen
gleichsam spiegelt. Dies vermittelt die Illusion der Unmittelbarkeit,
mit welcher das dargestellte Geschehen zur Vorstellung des Lesers wird,
welche als charakteristisches Merkmal der personalen Erzählsituation
anzusehen ist.
Auch bei dem zu
interpretierenden Textabschnitt sind die Grenzen zwischen
auktorialer Erzählperspektive, Ich – Erzählung und personaler Erzählhaltung
oft nicht eindeutig erkennbar. Zu Beginn des Textausschnittes verwendet
Jurek Becker zunächst die personale Erzählposition. Lediglich in Zeile
32 auf Seite 101 findet sich ein auktorialer Einschub: Aus seiner Sicht
außerhalb des Ghettogeschehens merkt der Erzähler an, dass die
Ghettobewohner sich nicht um die Zeitung in der Tasche der „Pfeife“
kümmerten, was ja auch nicht notwendig sei, da sie Jakob als
Informationsquelle hatten. Auch auf Seite 102 in Zeile 10 zeigt sich ein
auktorialer Einschub, als der Erzähler seine Vermutung über das
eingeschnitzte Herzchen am Klohäuschen aufstellt („ ... könnte ich
mir denken“). Bis Zeile 22 setzt der Erzähler nun die personale Erzählperspektive
fort. Darauf folgt ein innerer Monolog Jakobs bis zu Zeile 2 der Seite
103. Nach einem weiteren Satz, der in der personalen Perspektive gegeben
ist, kommt eine auktoriale Erzählweise („Wie war das noch mit den
Zeitungen damals ...“). Daraufhin ist ab Zeile 20 eine Personenrede
Kowalskis und Jakobs gegeben und nach weiteren vier Zeilen folgt eine
Passage in personaler Erzählperspektive. In den Zeilen 30 bis 33 bringt
Becker wiederum eine direkte Rede von Jakob und Kowalski, der ein kurzer
personaler Textabschnitt mit einem anschließenden inneren Monolog
Kowalskis angefügt ist. Auf Seite 104 ab Zeile 4 liegt nochmals eine
Personenrede derselben Personen vor, worauf eine auktoriale Passage von
Zeile 7 bis 26 folgt. Dann schließt sich ein innerer Monolog Jakobs an,
bei welchem er abermals von sich in der Wir – Form spricht. Auf Seite
105 ist von Zeile 2 bis Zeile 21 eine personale Erzählung zu finden,
bei der innerer Monolog und Erzählerbericht wechseln. Die letzten
beiden Absätze dieser Seite sind in auktorialer Erzählhaltung
geschrieben. Der erste Satz auf Seite 106 lässt sich wiederum nicht
eindeutig aufgliedern: Zunächst spricht wohl der Erzähler, doch ab der
zweiten Hälfte des Satzes ist es unklar, ob ein Gedankengang Jakobs
vorliegt oder eine personale Erzählweise. Von Zeile 3 an finden sich
jedenfalls Gedanken Jakobs und ab Zeile 9 eine kurze Personenrede. Von
Zeile 11 an werden personal die Gedanken Jakobs in Gestalt eines inneren
Monologs dargestellt. Zwei Zeilen weiter tritt der auktoriale Erzähler
auf („Und Jakob erzählt mir ...“), der bis Zeile 17 berichtet.
Daraufhin folgen eine direkte Rede des Soldaten bis Zeile 22 und ein
innerer Monolog Jakobs bis Zeile 27. In den nächsten Zeilen (S. 106, Z.
28 – S. 108, Z. 2) spricht der auktoriale Erzähler. Seine Sichtweise
löst sich schließlich von der der Figuren und gewinnt Übersicht über
Zeit und Raum. Ab Zeile 3 der Seite 108 tritt weiterhin der Erzähler in
Erscheinung, wobei er jedoch wohl eher aus seiner Sicht als
Ghettobewohner berichtet.
Der zu interpretierende
Textausschnitt weist verschiedentlich Zeitdehnung auf. Durch die
inneren Monologe Jakobs mit der Darstellung der Gedanken auf den Seiten
102, 103, 105 ist die Erzählzeit viel umfangreicher als die erzählte
Zeit. Es steht nicht der Ablauf des Geschehens im Vordergrund, sondern
vielmehr die Situationskomik, die durch die Innenperspektive betont
wird.
Mit der Vermengung der
verschiedenen Erzählperspektiven ergeben sich für Becker vielfache erzählerische
Wirkungen. Der auktoriale Erzähler kann zunächst kommentierend,
ordnend, erfindend das Geschehen gestalten. Dadurch, dass er Jakob und
Mischa als Quelle benennt, ist weiterhin die Tatsächlichkeit des
Berichteten dem Leser gegenüber „verbürgt“. Diese Authentizität
wird verstärkt durch die Ich – Perspektive. Der Ich – Erzähler
kann auch aus eigenem subjektivem Erleben die Sachverhalte darstellen.
Daneben ermöglicht die personale Erzählperspektive die Darlegung von
Hergang und Gedankengang aus subjektiver Sicht unterschiedlicher
Personen. Damit bieten sich für Becker aber auch die Möglichkeiten,
verschiedene Zeit- und Raumebenen in den Roman einzubringen. Es ist
einerseits die Ghettozeit gegeben, andererseits die Zeit, in der der Erzähler
schreibt. So entsteht eine Spannung zwischen erlebter Wirklichkeit und
wiedererlebter Wirklichkeit. Es werden die furchtbare Realität
der Vergangenheit und die ersehnte Zukunft in der Gegenwart miteinander
verknüpft. Daneben existieren drei sehr unterschiedliche Räume: Zunächst
einmal der Ghettoraum, in dem sich die Juden befinden, dann der Raum der
deutschen Täter und schließlich der Raum des Erzählers in der Erzählergegenwart.
Diese drei Schauplätze stehen zueinander in Kontrast und werden von
Becker im Sinne seiner Erzählabsicht kaum merklich vermischt. Der
Ghettoraum, der ungewöhnlich abgeschlossen und begrenzt dargestellt
wird, wird beherrscht und eingegrenzt durch den Raum der Täter, die das
Ghetto einrichten und kontrollieren. Deren Raum umschließt
dementsprechend ebenfalls den Ghettoraum sowie das gesamte
Herrschaftsgebiet des Dritten Reiches. Der Raum des Erzählers umfasst
schließlich die Umgebung des auktorialen Erzählers in der Gegenwart in
einer dem Leser unbekannten Stadt in Deutschland.
Die Komik, die Jurek Becker
bereits durch die Darstellung der Situation ausdrückt, wird auch durch
die sprachliche Gestaltung dieses Textausschnittes verstärkt, welche
insbesondere durch die humorvolle, sarkastische und auch ironische und
damit distanzschaffende Redeweise geprägt ist. Der Autor wählt eine
sehr eigenwillige Art, die Umstände eines Völkermordes zu beschreiben.
Er schreibt zwar präzise, ohne Euphemismus und ernsthaft, doch im
Gegensatz dazu auch komisch.
Seine lustige Darstellung der
Situation wird beispielsweise auf Seite 103 deutlich, als er berechnet,
wie viel Zeitungspapier ein „gesunder Mensch“ braucht. Auch Beckers
Bezeichnung „Beute“ (S. 104) und „Ballast“ (S. 104) für die
gestohlene Zeitung wirkt lustig, ebenso wie der Ausdruck „... dann
gehen wir in unser unbeobachtetes Zimmer, machen uns den Rücken frei
und sauber und lassen unser neues Radio spielen“ (S. 104). Schließlich
unterstreicht auch auf Seite 105 der Ausdruck „... dass da gar keine
heruntergelassene Hose prangte“ die Situationskomik dieser Szene.
Becker erzählt jedoch nicht nur
lustig, sondern auch humorvoll. In eigentlich sehr ernsthaften und
oftmals gefährlichen Situationen stellt er die Handlung in einer Weise
dar, die zum Lachen reizt, wie zum Beispiel, als Jakob auf Seite 102 von
seinem „erschöpften Erfindergeist“ redet, oder einige Zeilen später,
als er das Stehlen der Zeitung als „Mundraub“ bezeichnet. In
besonderer Weise wird diese humorvolle Darstellung jedoch auf Seite 106
f. bei den Worten deutlich „Wer soll auch ahnen, daß an dem Wunder
schon gearbeitet wird, in groben Zügen ist es schon entworfen“.
Gerade die Kombination des Substantivs „Wunder“ mit der Verbform
„gearbeitet“ und dem Adverbiale „in groben Zügen“ wirkt sehr
komisch. Dadurch wird das Geschehen entdramatisiert und der Szene wird
eine eigentümlich entspannende Wirkung verliehen.
Weiterhin ist die vorliegende
Textstelle geprägt von sehr sarkastischen Ausdrücken wie
beispielsweise „für euch riskier ich Kopf und Kragen, Brüder“ (S.
102). Besonders klar wird dieser Sarkasmus bei der Passage auf Seite
104, in der Jakob die Zeitung auf dem deutschen Klohäuschen einsteckt.
Jakob sieht die Todesanzeigen der gefallenen Deutschen als „an sich
erfreulich“ an. Er lässt diesen Teil der Zeitung zurück, denn „der
nächste Besucher soll auch noch seinen Spaß daran haben“.
Schließlich ist der Schreibstil
Beckers häufig ironisch. Hierbei beruht diese Ironie zunächst auf der
Kombination von Unvereinbarem. Auf Seite 102 erwähnt Jakob, dass er aus
„ein paar Gramm Nachrichten ... eine Tonne Hoffnung“ machen werde.
Oder auf Seite 104 denkt er sich: „Wir wollen aber nicht gemächlich
werden, als wären wir auf unserem eigenen Klosett ...“. Auch im
letzten Satz der vorliegenden Textstelle, als Jakob durch das
Ablenkungsmanöver Kowalskis der Entdeckung und damit der Tötung
entkommen ist, schreibt Becker ironisch, dass „das kleine Unglück ...
in letzter Sekunde gerade noch verhindert“ wurde. Dabei stellt dieses
vermeintlich „kleine Unglück“ für den „Herrenmenschen“ eine
durchaus blamable Angelegenheit dar, und für Jakob wurde kein
„kleines Unglück“ abgewandt, sondern die Gefahr, hingerichtet zu
werden. Weiterhin ist eine ironische Untertreibung gegeben, als der
Autor von einem „verwegenen Besitzertausch“ (S. 102) anstelle eines
Diebstahls der Zeitung unter gegebenenfalls tödlichen Umständen redet.
Im Gegensatz dazu findet sich auf Seite 101 eine ironische Übertreibung,
als die neue Informationsquelle Zeitung als „Kostbarkeit“ bezeichnet
wird. Ebenso nennt Jakob „Pfeife“ einen „Verschwender“
beziehungsweise einen „Geizhals“ (S. 102), je nachdem, ob dieser
viel oder wenig Zeitungspapier auf dem Klo verbraucht.
Jurek Becker schreibt in seinem
Roman im Gegensatz zur lustigen, humorvollen, satirischen und ironischen
Darstellung der Situation auch ohne jegliche Art von Euphemismus oder
Verharmlosung. Beispielsweise redet Kowalski scheinbar völlig
emotionslos davon, dass sie Jakob „an die Wand stellen“ (S. 104)
werden, wenn sie ihn auf dem deutschen Klohäuschen erwischen würden.
Die Situation wird von Becker
weiterhin sehr präzise beschrieben. Zum Beispiel auf Seite 103
wird überaus genau dargestellt, wie „Pfeife“ aus dem Klosett
herauskommt, tief Luft holt und sich beim Anzünden seiner Zigarette
„zum Erwürgen“ viel Zeit lässt. Auf Seite 105 wird ebenfalls sehr
anschaulich und ausführlich der Weg des Soldaten zum Toilettenhäuschen
erzählt, wobei, wie bereits gesagt, auch eine Zeitdehnung vorliegt.
Um die Situation weiter zu
veranschaulichen, verwendet Becker bildhafte Ausdrücke. Zu
Beginn des Textausschnittes wird von einer „Lupe“ (S. 101) in Jakobs
Augen gesprochen, die die Zeitung in der Tasche der „Pfeife“ nicht
loslassen können. Als Jakob auf dem Klohäuschen aus dem Fenster sieht,
ob noch alles in Ordnung ist, spricht er davon, dass auf seinem Weg zurück
„Mine neben Mine“ läge (S. 105). Auf Seite 107 wird der
Kistenstapel als „stolz und abfahrbereit“ beschrieben. Auch auf
Seite 108 findet sich ein sehr bildhafter Ausdruck: Nach dem Einsturz
des Kistenstapels bedauert Kowalski „mit fliegenden Worten sein
unverzeihliches Versehen“.
Auf Seite 102 findet sich in der
ersten Zeile ein Wortspiel mit den Ausdrücken „wahr“,
„erlogen“ und „tatsächlich“, was auf ein zentrales Thema des
Romans anspielt, nämlich zum einen die Lügen der Nazis und zum anderen
die Lügen, die Jakob seinen Ghettomitbewohnern erzählt, um ihnen
Hoffnung zu geben.
Insgesamt schreibt Becker weithin umgangssprachlich
wie zum Beispiel „aus den Fingern saugen“ (S. 102), „Zeit lässt
er sich zum Erwürgen“ (S. 103) oder „dieser Verrückte“ (S. 103).
Hierbei verwendet er im gesamten Roman auch immer wieder Begriffe aus
der jiddischen Tradition, wie es in einem jüdischen Ghetto mit teils
sehr religiösen Menschen durchaus zu erwarten ist (S. 11, 27, 32, 70,
93, 215).
Der Autor benutzt weitgehend einen
hypotaktischen Satzbau mit häufiger Verschachtelung der Gedanken
(zum Beispiel S.105, Z. 5/11), was ihm das Erklären und Kommentieren in
Nebensätzen ermöglicht.
Das Erzähltempus dieses
Romans ist unabhängig von den verschiedenen Erzählräumen das Präsens,
was eine Nähe zur Gegenwart, eine Unmittelbarkeit bewirkt. Da die Zeit
für die Ghettobewohner nicht messbar ist (Uhren sind im Ghetto
verboten), ist sie für diese auch nicht von Bedeutung. Es treten
lediglich vage Zeitangaben (zum Beispiel „heute“, „dann“) auf.
Die zeitliche Ordnung ist damit kaum für den Leser greifbar.
Jurek Becker stellt in seinem Roman
die Judenverfolgung im „Dritten Reich“ dar. Dieses Thema wurde von
anderen Autoren vielfach sehr ernsthaft behandelt. Becker hingegen wählt
einen eher eigenwilligen Weg, womit er einen Bruch mit der herkömmlichen
Holocaustliteratur vornimmt. Er schreibt zwar ebenfalls präzise, ohne
Beschönigung und teils sehr ernsthaft, aber auch lustig, humorvoll,
ironisch und sarkastisch. Dabei steht der Sachverhalt des Geschehens in
einem Kontrast zu dieser Erzählweise Beckers. Seine Darstellung zeigt
einen inneren Widerspruch einerseits durch die Thematik der grausamen
Geschehnisse des Völkermordes und andererseits durch die eher
humorvolle Erzählhaltung des Autors auf. Die Komik bewirkt einerseits
eine direkte Einbeziehung des Lesers in den Roman durch Mitgefühl als
auch die Schaffung von Distanz. Durch Beckers Vermengung der
verschiedenen Erzählperspektiven hat er durch den auktorialen Erzähler
die Möglichkeit, die Handlung zu ordnen und fehlende Zusammenhänge zu
ergänzen. Weiterhin kann er sowohl als Außenstehender als auch als
Augenzeuge das Geschehen kommentieren und bewerten und schließlich nach
der alten Tradition der jiddischen Schtetl mit dem Leser „schwätzen“
(S. 24). Dadurch erreicht der Autor eine Steigerung des Miterlebens und
eine Milderung des Schreckens. Der Erzählstil zieht den Leser gleichsam
in die Ereignisse hinein. Die Komik, die Becker in diesem Textabschnitt
sowohl durch die Darstellung der Situation und der Personen als auch
durch seine sprachliche Gestaltung ausdrückt, rückt das
Gesamtgeschehen in eine andere Sicht. Der Leser nimmt die Nazi – Opfer
nicht allein als Erniedrigte, als „auszurottendes Ungeziefer“ wahr
und gewöhnt sich nicht an deren Passivität, obwohl es für den Leser
wohl unverständlich wirkt, dass es innerhalb des Ghettos keinerlei
gewaltsame Aufstände gab. Indem die Verbrechen und die unmenschliche
Behandlung in den Ghettos durch die komische Darbringung im Vergleich
zur Realität etwas zurückgenommen werden, können die Juden einen Teil
ihrer menschlichen Würde zurückgewinnen. Gerade in vorliegender
Textstelle wird auf ironische Weise das Verhältnis der Juden gegenüber
den Deutschen deutlich. Auch wenn es im Ghetto keine Aufstände gab,
werden dennoch verschiedene Arten von Widerstand gezeigt. Jakob riskiert
zunächst sein Leben, um seinen Ghettomitbewohnern Hoffnung auf eine mögliche
Befreiung in absehbarer Zeit zu geben, und schließlich fällt der
Soldat auf einen einfachen Taschenspielertrick Kowalskis herein. Es gibt
zwar keinen allgemeinen Widerstand im Ghetto, aber dennoch werden die
Deutschen, die „Herrenmenschen“, von den Juden, den
„Untermenschen“, ausgetrickst. Auch in der Passage, als Jakob sich
in dem deutschen Klosett befindet und der Soldat von Durchfall gequält
sich bei dem Juden höflichst entschuldigt und ihn bittet, sich zu
beeilen, ist der „Übermensch“ auf die Gunst des „Drecksjuden“
angewiesen. Hierbei wird deutlich, dass auch die Deutschen nur
Durchschnittsmenschen ohne jede außergewöhnliche Größe sind.
Der Roman „Jakob der Lügner“
von Jurek Becker ist nicht nur deshalb interessant zu lesen, weil der
Autor einen in gestalterischer Hinsicht modernen Roman verfasst hat. Der
Roman ist vor allem deswegen lesenswert, da es Becker gelingt, das
ungeheuerliche Geschehen um die Vernichtung des jüdischen Volkes im
„Dritten Reich“ in einer Weise literarisch zu gestalten, die zum
Nachdenken anregt.
Literaturangabe:
Wiese, Lothar: Jurek Becker – Jakob der Lügner. München 1998.
Zierlinger, Ursula: Jurek Becker – Jakob der Lügner. München 1995.
Gliederung
A) Judenverfolgung im „Dritten
Reich“ als Thema der Nachkriegsliteratur
B) Die Textpassage S. 101 – 108
im Gesamtzusammenhang des Romans und die Deutung des Textabschnitts
I) Einordnung des zusammengefassten
Textabschnitts in den Romanzusammenhang
II) Deutung der
Situationsdarstellung
a) Handlungsort Klo
b) Jakob in Gefahr
III) Deutung der
Personendarstellung
a) Personenkonstellation im Roman
b) die drei Posten
c) „Pfeife“
d) der Soldat
e) Jakob
f) Kowalski
IV) Erzählerische Gestaltung
a) Vermischung der drei Erzählperspektiven
(auktorial, Ich-Erzählung,
personal)
b) Einzelanalyse
c) Zeitdehnung
d) Funktion der erzählerischen Gestaltungsmittel
V) Sprachliche Gestaltung
a) Sprachkomik (lustig, humorvoll,
sarkastisch, ironisch)
b) nicht verharmlosende Redeweise
c) genaue Beschreibungen
d) bildhafte Redewendungen
e) Wortspiel
f) Umgangssprache
g) Satzbau
h) Tempus