Analysieren Sie das Gedicht „Nebel“ von Alfred Lichtenstein in Bezug auf Inhalt, Form und Sprache. Mit welchen Mitteln durchbricht der Dichter die gewohnte Wirklichkeitswahrnehmung? Welche Wirkung wird dadurch erzielt? Fertigen Sie zu Ihren Ausführungen eine Gliederung / einen Schreibplan an.

Das Motiv „Nebel“ hat Dichter der verschiedensten literarischen Epochen immer wieder beschäftigt. Auch Alfred Lichtenstein, ein Expressionist, befasste sich mit dieser Thematik in seinem Gedicht „Nebel“, das im Folgenden näher untersucht wird.

Der Inhalt des Gedichts lässt sich nur annähernd darstellen, da dieses Elemente der hermetischen Lyrik aufweist, wie sie dann in den Gedichten nach 1945 vermehrt gegeben sind. Das Gedicht trägt den Titel Nebel. In der ersten Strophe spricht Lichtenstein die Auswirkungen des Nebels auf die Welt an. Diese erscheint schemenhaft und „zerstört“ (V. 1). Die scharfen Konturen der herbstlichen („blutlose“n) Bäume werden gänzlich aufgelöst und Umrisse sind nicht mehr erkennbar (V. 2). Wo Geräusche vernommen werden, sind nur Schatten erkennbar (V. 3). In der zweiten Strophe wendet sich der Autor von der groben Betrachtung der Welt ab und den Details zu. Er vergleicht einzelne Gegenstände. Mit der Lichtquelle „Glaslaternen“ werden Fliegen assoziiert, die in diesen gefangen sind und zu entrinnen suchen (V. 5 f). Das Umherschwirren der durch die Lichtquelle angezogenen Fliegen wird dabei auf das Flackern der Laternen selbst bezogen. Der Mond wird verglichen mit einer „fette(n) Nebelspinne“ (V. 8), wobei die durch den Nebel gebrochenen Strahlen des Mondes gleichsam die Beine der Spinne assoziieren lassen. Der Dichter „erfindet“ somit die Tierart „Nebelspinne“, die es tatsächlich ja nicht gibt. In der dritten Strophe schließlich wendet sich der Dichter den Menschen zu. Das lyrische Ich (“wir aber“), das nunmehr genannt wird, sieht sich, wie alle Menschen, als dem Tode geweiht (V. 9). Es geht durch den Nebel und versucht mit den Augen diesen zu durchdringen (V. 10 – 12). Mit der letzten Strophe wird deutlich, dass es Lichtenstein nicht nur um die Empfindungen im Nebel geht, sondern der Nebel gleichsam auf die Vergänglichkeit der Menschen und alles Irdischen verweist.

Das Gedicht gliedert sich in drei Strophen mit je vier Verszeilen. Eine besondere Strophenform ist nicht gegeben. Die Strophen sind sowohl inhaltlich als auch formal, insbesondere syntaktisch in sich geschlossen.

In allen vier Strophen findet sich ein durchgehend reiner Kreuzreim mit dem Schema abab, cdcd und efef. Auch dadurch wird die Geschlossenheit der einzelnen Strophen unterstrichen. In der ersten Strophe liegen männliche Kadenzen vor, in der zweiten Strophe weibliche und in der dritten schließlich wechseln weibliche (e) und männliche Kadenz (f) ab.

Das Metrum ist im Wesentlichen ein fünfhebiger Jambus, der in den Zeilen 2, 4, 8 und 9 durchbrochen ist. Bei dem Ausdruck „Blutlose Bäume“ in Verszeile 2 wird entgegen dem Jambus die erste Silbe betont und zwei unbetonte Silben folgen. Im weiteren Verlauf findet sich dann wieder der Jambus. Auch in der vierten Verszeile folgen auf ein zunächst daktylisches Metrum („Brennende Biester“) wieder Jamben. Desgleichen zeigt sich in Zeile 8, wo nach einem Auftakt ein Daktylus („Der giftige Mond“) vorliegt und wiederum Jamben folgen. Schließlich beginnt Vers 9 daktylisch („Wir aber“) und wird jambisch weitergeführt. Durch diese metrischen Abweichungen erreicht der Dichter eine Hervorhebung der genannten Stellen. Dies wird noch dadurch verstärkt, weil durch die zweimalige metrische Abweichung in Strophe 1 auf den männlichen Zeilenausgang (betonte Silbe) wieder eine betonte Silbe folgt. Die rhythmische Sprachführung wird dadurch unterbrochen. In ähnlicher Weise ist dies in Strophe 2 gegeben. Dort folgt auf eine weibliche Kadenz eine nunmehr unbetonte Silbe am Anfang der neuen Verszeile (Auftakt beim dortigen Daktylus). Darüber hinaus zeigt der rhythmische Ablauf des Gedichts noch weitere Besonderheiten. In den Strophen 1 und 3 wird die Satzverbindung durch die Konjunktion „und“ noch dadurch verstärkt, dass auf eine männliche Kadenz ein unbetonter Versanfang folgt, was den Redefluss unterstützt.

In der Regel stellt eine Verszeile eine syntaktische Einheit dar. Dies bedeutet, dass vorwiegend Parataxen gegeben sind. Lediglich in den Zeilen 3, 6 und 9 finden sich einfache hypotaktische Fügungen. Ab Vers 7 schließlich umfasst eine syntaktische Einheit jeweils zwei Verszeilen. Es finden sich also Enjambements. Dies erweckt beim Leser des Gedichts den Eindruck der kurzschrittigen gedanklichen Reihung. Eine weitere Besonderheit findet sich in den Versen 7 und 8. Durch die Inversion „Der giftige Mond“ und schließlich durch die Apposition wird eine auffällige Hervorhebung erreicht. Eine nochmalige Betonung ist in der 9. Zeile gegeben durch die adversative Konjunktion „aber“. Diese Stelle ist ganz besonders herausgehoben, da hier, einmalig im gesamten Gedicht, das lyrische Ich in Erscheinung tritt und zudem die Abweichung im Metrum (daktylisch) gegeben ist.

Auch hinsichtlich des Sprachgebrauchs zeigen sich Eigentümlichkeiten. Zunächst einmal finden sich, bedingt durch die Motivik Worte aus dem Bereich der Natur wie zum Beispiel „Nebel“ (V. 1), „Bäume“ (V. 2), „Fliegen“ (V. 3), „Mond“ (V. 8), „Nebelspinne“ (V. 8), „Nacht“ (V. 12). Andererseits verwendet Lichtenberg Begriffe aus den Wortfeldern Gefahr, Tod und Vergänglichkeit. So zum Beispiel „zerstört“ (V. 1), „Schreie“ (V. 3), „brennende Biester“ (V. 4), „gefangne Fliegen“ (V. 5), „entrinnen“ (V. 6), „lauert“ (V. 7), „giftig“ (V. 8), „zum Tode taugen“ (V. 9), „wüste Pracht“ (V. 10). Die Sprache ist also insgesamt sehr expressiv und ausdrucksstark.

Das Gedicht ist weiterhin stark von rhetorischen Stilmitteln geprägt und damit vom Dichter sprachlich bewusst gestaltet. Zunächst einmal fallen zahlreiche Alliterationen auf: „Welt – weich“ (V. 1), „Blutlose Bäume“ (V. 2), „Schatten – schweben – Schreie“ (V. 3), „Brennende Biester“ (V. 4), „Gefangne – Glaslaternen“ (V. 5), „zum Tode taugen“ (V. 9) und „stechen stumm“ (V. 11). Daneben finden sich Oxymora wie „weich zerstört“ (V. 1) und „wüste Pracht“ (V. 10). Ebenfalls verwendet Lichtenstein Personifikationen wie z. B. „Blutlose Bäume” (V. 2), “Nebel zerstört” (V. 1) und „Mond lauert“ (V. 8) und Metaphern wie „aufgeschwollne Nacht“ (V. 12). Weitere bildhafte Formulierungen sind die nicht ausdrücklichen Vergleiche von „Glaslaternen“ mit „Fliegen“ (V. 5) und von „flackern“ mit „entrinnen“ (V. 6). Daneben führt Lichtenstein ausdrückliche Vergleiche an: „Brennende Biester schwinden hin wie Hauch“ (V. 4) und „Und stechen stumm die weißen Elendsaugen / Wie Spieße in die aufgeschwollne Nacht“ (V. 11 f). Besonders hervorzuheben sind die Chiffren und hermetischen Ausdrücke, die das ganze Gedicht in seiner Bildlichkeit und gedanklichen Unschärfe verstärken. So ist beispielsweise unklar, was in Vers 4 mit „Brennende Biester“ gemeint ist. Auch „die fette Nebelspinne“ in Vers 8 existiert nicht in der Realität, sondern entspringt der Assoziation und verlangt diese vom Leser. Letztlich sei noch hingewiesen auf den onomatopoetischen Ausdruck „knirschen“ in Vers 10. Insgesamt zeigt das Gedicht eine ganz bewusste, ausdrucksstarke sprachliche Formung, typisch für die Dichtung des Expressionismus.

Das Gedicht „Nebel“ von Alfred Lichtenstein ist einerseits typisch für die Dichtung des literarischen Expressionismus, es weist aber auch durch die starken hermetischen Elemente bereits auf die Dichtung nach 1945 hin. Insbesondere erinnert es an Gedichte von Karl Krolow und Margot Scharpenberg, die ebenfalls, ausgehend von Gegebenheiten in der Natur (Nebel, Rauch) die Vergänglichkeit des Menschen und des Irdischen angesprochen haben.

 

Gliederung

A) „Nebel“ als ein beliebtes Motiv in der Lyrik

B) Analyse des Gedichts „Nebel“ von Alfred Lichtenstein

I. Inhalt

II. Form
a) Strophe
b) Reim und Kadenz
c) Metrum
d) Satzbau
e) sprachliche Besonderheiten
f) rhetorische Stilmittel

C) „Nebel“ von Lichtenstein als expressionistisches Gedicht mit hermetischen Elementen

© 2001 Eva Schäfer

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