René Magritte (1898 - 1967)

 

Die persönlichen Werte

(Les valeurs personelles)
 1952

 

Biographie Magrittes

 

Lebenslauf:

geboren am 21. November 1898 in Lessines in Belgien

verbrachte bis auf einen kurzen Aufenthalt in Frankreich fast sein ganzes Leben in Brüssel

arbeitete kurze Zeit als Musterzeichner in einer Tapetenfabrik (in seinen Bildern tauchen häufig Tapetenmuster auf)

führte 25 Jahre lang ein kleinbürgerliches biederes Leben, frei von jeder äußerlichen Dynamik

lebte zurückgezogen, beinahe anonym

unternahm keine größeren Reisen und keinen Ortswechsel

war von den Uffizien in Florenz wenig begeistert („Nicht übel, aber auf Ansichtskarten ist das besser“)

brauchte keine Ferne, die Nähe genügte ihm vollkommen

gestorben am 15. August 1967 in Brüssel

künstlerisches Schaffen:

keine Sensation, sondern eine gewisse unbeirrbare Konsequenz brachte ihn in seiner künstlerischen Entwicklung weiter

er war von Anfang an in die künstlerische Strömung des Surrealismus (Zentren: Brüssel und Paris) eingebunden

er war einer der bedeutendsten Vertreter des veristischen Surrealismus (= naturalistische Darstellung nicht zusammengehöriger Dinge oder Formen im perspektivischen Raum)

seit 1920 bzw. 1926 enger Kontakt mit belgischen bzw. französischen Surrealisten

entscheidendes Erlebnis für seine künstlerische Entwicklung war 1920 die Begegnung mit dem Bild „Das Liebeslied“ von Giorgio de Chirico

seitdem Beeinflussung von Giorgio de Chirico („Chirico war der erste, der davon geträumt hat, was zu malen ist und nicht wie gemalt werden soll.“)

Thema seiner Werke: banale Dinge des Alltags, naturalistisch im Detail, durch irreale Zusammenfügungen verfremdet und in neue Zusammenhänge gestellt

er malte kühl und kontinuierlich wie ein Wissenschaftler

seine Werke waren Tafel- und Wandbilder, Collagen, Photographien und auch Skulpturen

 

Bildbetrachtung:
Die persönlichen Werte (Les valeurs personelles)

 

entstanden 1952

Öl auf Leinwand, 81 x 100 cm

Standort in New York, Sammlung von Harry Torcyner

 

gegenständliche Darstellung:

Darstellung von übergroßen Gegenständen (Kamm, Rasierpinsel, Seife, Weinglas und Zündholz) in winziger Umgebung, einer Art Puppenstube (Schlafzimmer mit Doppelbett, Spiegelschrank und zwei Perserteppichen)

Hintergrund: Himmelstapete

offen, ob Umgebung winzig oder Gegenstände riesig sind, Himmelstapete stimmt mit keinem überein

unstimmige Gegenstände sind in bühnenartigen Raum hineingestellt

unten: Riemenboden

oben: etwas rissige Stuckdecke

in rechtem Flügel des Spiegelschranks wird ein Fenster gespiegelt

Gegenstände sind in unheimlicher Ordentlichkeit aufgebaut, wie Stillleben

Objekte werden wie Akteure auf einer Bühne dargestellt:

Kamm lehnt riesig, auf dem Bettchen stehend, in der linken Zimmerecke

Rasierpinsel liegt schräg auf dem kleinen Schrank

Weinglas, Seife und liegendes Zündholz bilden vorne rechts eine  Dreiergruppe

               => Gespräch zwischen den ungleichen Beteiligten vorstellbar

 

Form und Fläche:

linear geschlossene Konturenform

ausgefüllte Flächenform

hervorragende präzise Wiedergabe der einzelnen Materialien der Gegenstände: der beinerne Kamm, der duftige Borstenpinsel, das hart reflektierende Glas, die Holzmaserung der Möbel, die Teppiche und die wattigen Wolken (wie holländische Augentäuschmalerei des 17. Jhdts.)

           => unglaublich geduldige Malerei

 

Licht:

Beleuchtung der Gegenstände von rechts außerhalb des Bildes durch gespiegeltes Fenster im rechten Flügel des Spiegelschranks

Schlagschatten nach hinten links

 „toter Winkel“ rechts hinten

 

Farben:

präzise und sachliche Farben

           => unterstreichen Objektivität und freundliche Stimmung

braunrote Töne der Hölzer, der Bettdecke und des Bodens zusammen mit dem Rosa der Seife und des Streichholzes ergeben einen angenehmen Zusammenklang mit dem Himmelblau der Tapete, dem Grünblau des Glases, dem Weiß von Bettwäsche, Wolken und Fenstergardine und dem Rot der Übergardine

 

Raum:

Fluchtlinien des symmetrischen Raums laufen in der Bildmitte in einem Fluchtpunkt zusammen

räumliche Verhältnisse stimmen jedoch nur teilweise:

 Wände verlieren durch die Himmelstapete ihre raumabschließende Wirkung

Tapete ist in der Schranktür gespiegelt: sie zieht sich auch über die Wand auf der Gegenseite beim Betrachter hin

           => schwer vorstellbar

Betrachterstandpunkt: horizontal und vertikal zentriert

Interpretation:

Bild besticht sofort durch seine faszinierende Präzision

           => wirkt dadurch vollkommen selbstverständlich

aber: Unstimmigkeit: eigentlich handliche Gegenstände übergroß in winziger Umgebung

           => Irritation, wofür man sich entscheiden soll: Gegenstände riesig oder
                 Umgebung winzig; Himmelstapete passt zu keinem

    => Absicht des Künstlers: doppelbödige Bildidee:
          Bild als Falle, dahinter der Maler als ironisch lächelnder Fallensteller

Entstehung:

simpler Gedankengang, von einer alltäglichen Situation ausgehend:

           man kommt heim, wirft einen Blick ins Schlafzimmer, sieht diese Szene und            plötzlich stimmt nichts mehr

           => Schock; aber Milderung: Guckkastenbühne wirkt in ihrer Isoliertheit sehr                  distanziert

der Einfall, die Bildidee kann spontan oder wohlüberlegt gewesen sein

 

Malweise:

langsame und akribische Verwirklichung

 wissenschaftliche Erfassung eines Augenblicks

Gewohntes und auch eingebaute Überraschung müssen überzeugend genau sein:

           => für Magritte nur diese Möglichkeit der Verwirklichung („Für mich ist es das                  Wesentliche, zu wissen, was ich malen muss. Das Wie besteht nur darin,                  korrekt zu malen, was ich malen muss.“)

bezeichnet seine Malweise selbst als „ganz und gar banal und akademisch“

benutzt vollkommen objektive Bildschrift, vorsätzliche Nüchternheit in der Erfassung der Dinge (wie Maler der sog. „Neuen Sachlichkeit“, der anderen wichtigen Strömung in der Kunst nach dem 1. Weltkrieg neben dem Surrealismus)

Thematik:

nahtlose Kombination von Versatzstücken in völlig unlogischer, ungewohnter Weise

          => Zusammenhang mit Dadaismus

mit geradezu wissenschaftlicher Unerbittlichkeit stellt er den Glauben an die Realität in Frage

er sagt somit der Realität den Kampf an

           => Provokation bürgerlicher Normalität

Magritte malt seine ganz speziellen poetisch-philosophischen „Mysterien“ („Die Malerei ist eine Kunst des Denkens“)

nicht überraschend, dass man ihn immer wieder als malenden Philosophen bezeichnet hat

in Abhandlungen über seine Werksphasen heißt es:

 „Die Welt wird zum verwirrenden Theater“

 „Alltägliches fügt sich zum Geheimnis“

 „Trügerische Darstellung des Sichtbaren“

„Wenn der Betrachter findet, dass meine Bilder dem gesunden Menschenverstand Hohn sprechen, wird er sich einer offensichtlichen Tatsache bewusst. Ich möchte aber trotzdem hinzufügen, dass für mich die Welt ein Hohn auf den gesunden Menschenverstand ist.“

 

Titel:

abgesehen von der irritierenden Szenerie noch einigermaßen fassbar (im Vergleich zu seinen anderen Bildern), wenn auch nicht gerade hilfreich im Sinne einer verständlichen Logik

starke Provokation und Widersprüchlichkeit beim Vergleich von Bildtitel und Dargestelltem

 „ ... die Titel der Bilder sind keine Erklärungen und die Bilder keine Illustrationen der Titel. Die Beziehung zwischen dem Bild und dem Titel ist poetisch, das heißt, dass diese Beziehung nur gewisse Charakteristika von den Gegenständen festhält, die gewöhnlich von unserem Bewusstsein ignoriert werden ...“

„Die Titel meiner Bilder sind ein Anlass für Gespräche ... die Titel sind so gewählt, dass sie verhindern, meine Bilder in einem vertrauten Raum anzusiedeln. Das wäre der automatische Ablauf des Denkens und die Reichweite meiner Bilder würde dadurch unterschätzt. Die Titel müssen aber ein zusätzlicher Schutz sein für die Bilder, der verhindert, dass man versucht, ihre wahre Poesie auf ein folgendes Spiel zu reduzieren ... der Titel eines Gemäldes ist ein aus Worten gemachtes Bild ... Titel und Gemälde bereichern und präzisieren das Denken ...“

Titel entstanden immer erst nach den Bildern

Titel wurden manchmal von Freunden erfunden und auf Magrittes Entscheidung hin akzeptiert oder abgelehnt

manchmal waren mehrere Personen am Titel beteiligt

© 2001 Eva Schäfer

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