Die Vertreter der Aufklärung widmeten der Erziehung ihre besondere Aufmerksamkeit, da sie die Ansicht vertraten, dass nur Bildung und Erziehung die Menschheit voranbringen könnten. Die Literatur war deshalb besonders wichtig für die Aufklärung, um die neuen Ideen und Denkanstöße zu verbreiten und zu lehren. Gotthold Ephraim Lessings Drama „Nathan der Weise” ist ein typisches Werk dieser Epoche. Hierbei ergibt sich die Frage, inwieweit die Hauptperson Nathan als Repräsentant der Vorstellung von der Erziehung und Erziehbarkeit gelten kann.
Der Jude Nathan wird in dem dramatischen Gedicht nicht nur als Erzieher seiner Umgebung dargestellt, sondern auch als sein eigener Pädagoge, als er mit dem Schicksal des Verlustes seiner Familie konfrontiert wird. Nachdem seine Frau und seine sieben Söhne von Christen ermordet werden, liegt Nathan „drei Tag’ und Nächt’ in Asch / Und Staub vor Gott“ (V. 3046 f) und weint. Er lehnt sich gegen Gott auf (3048 f), hasst die Welt (V. 3049) und im Besonderen das Christentum (V. 3050), auf das er seine ganze Verbitterung über den Verlust der Familie richtet.
Allmählich, so berichtet er selbst, kommt die Vernunft wieder (V. 3052), Nathan sieht sein Schicksal als göttliche Vorsehung an und akzeptiert es als solche (V. 3054). Er überwindet sich selbst und ruft zu Gott: „ich will! / Willst du nur, dass ich will!“ (V. 3058 f). Er legt sein Schicksal in Gottes Hände und zeigt den Willen zur Umsetzung seiner eben erlernten Wahrheit.
Es dauert nicht lange, bis Nathan die Gelegenheit zur Umsetzung bekommt. Wenig später reitet der Klosterbruder herbei, in seinen Armen das Waisenkind Recha, das er Nathan übergibt (V. 3059 ff). Dieser nimmt Recha als Adoptivtochter an und dankt Gott, dass dieser ihm nach dem Verlust seiner sieben Söhne bereits wieder eine Tochter gegeben hat (V. 3065 f), an die er seine Einsicht weitergibt. Nathans Weisheit entspringt also nicht einem abstrakten Idealismus, sondern vielmehr einer eigenen, schrecklichen Schicksalserfahrung, was ihm das Recht gibt, seine Mitmenschen zu erziehen.
Obwohl Nathan Jude ist, zieht er das Christenkind mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen auf. Er erzieht Recha weniger als Jüdin, sondern eher nach den Prinzipien der Aufklärung. Ein wichtiger Aspekt seiner Pädagogik ist die Erziehung und der Gebrauch des Verstandes. Recha, die vom Tempelherrn aus dem brennenden Haus gerettet wurde, sieht diesen als einen Engel an und bezeichnet ihre Rettung als Wunder. In einem pädagogischen Dialog versucht Nathan Recha zu vermitteln, dass es doch das größte Wunder sei, wenn ein Mensch einem anderen das Leben rette (V. 228 f), was ihm auch gelingt.
Darüber hinaus erzieht Nathan Recha zu Bescheidenheit. Nathan erklärt Daja und Recha, dass der Kern des Wunderglaubens Menschenverachtung sei: „Der Topf / Von Eisen will mit einer silbern Zange / Gern aus der Glut gehoben sein, um selbst / Ein Topf von Silber sich zu dünken.“ (V. 293 ff). Mit diesem Gleichnis will er den beiden Frauen klarmachen, dass ihrer Meinung nach nur das Göttliche und nicht das Irdische Wert besitzt, was nur Stolz verursache und somit am guten Handeln hindere.
Nathan lehrt Recha jedoch nicht nur den Gebrauch des Verstandes und Bescheidenheit, sondern auch das gute Handeln. Mit seiner Aussage „Begreifst du aber, / Wieviel andächtig schwärmen leichter, als / Gut handeln ist?“ (V. 359 ff), macht Nathan deutlich, dass der Glaube an übernatürliche Mächte am konkreten Handeln hindert, und der Wunderglaube letztendlich nur Faulheit war, obwohl er einräumt, dass die Absichten Dajas und Rechas lauter gewesen sind.
Im Gegensatz zu Recha entgleitet Daja Nathans Pädagogik. Sie ist nicht erziehbar und durchläuft das gesamte Drama gänzlich unbelehrt. Nathan hat vor dieser christlichen Hartnäckigkeit kapituliert, und sobald Daja auf ihr Gewissen, auf ihr religiöses Herzensanliegen zu sprechen kommt, schneidet er ihr das Wort ab (V. 53).
Dajas größter Wunsch ist es, mit Recha aus Palästina nach Europa zu fliehen, da sie das Christentum als die einzig wahre Religion ansieht und das Judentum, und somit Nathan, bereits aufgegeben hat. Durch den von ihr unterstützten, ja sogar geschürten Wunderglauben Rechas versucht sie, diese auf ihre Seite zu ziehen und gegen Nathan auszuspielen. Da ihr dies nicht gelingt, will sie das Schicksal selbst in die Hand nehmen und erzählt dem Tempelherrn und auch Recha von ihrer, Rechas, christlichen Herkunft. Da Nathan Dajas Egoismus und die Wut und Verbitterung des Tempelherrn unterschätzt, kommt es beinahe zur Denunziation Nathans beim Patriarchen, weil er eine Christin als Jüdin aufzieht.
Auch Saladin wird zwar von Nathan erzogen, doch bei ihm handelt es sich weniger um eine Erziehung von Grund auf, als vielmehr um eine Vervollständigung der Erziehung. Durch Nathans Erzählen der Ringparabel wird Saladin anderen Religionen gegenüber toleranter. Gerade dem Tempelherrn, dem Vertreter des Christentums gegenüber wächst seine Toleranz. Der Sultan erkennt im Tempelherrn seinen Bruder wieder und bittet ihn deshalb, bei ihm zu bleiben „Als Christ, als Muselmann: gleichviel!“ (V. 2684).
Saladin toleriert jedoch andere Religionen neben dem Islam nicht nur, sondern sieht Nathan, den Vertreter des Judentums, sogar als seinen Freund an. Diese Freundschaft wiegt schwerer als das vom Tempelherrn verursachte Misstrauen. Saladin zeigt sich Nathan gegenüber solidarisch und versucht zwischen ihm und dem Tempelherrn zu vermitteln, denn „er (Nathan) ist (sein) Freund, und (seiner) Freunde muss keiner mit dem andern hadern.“ (V. 2796 f), wie er selbst im Gespräch mit dem Tempelherrn sagt.
Die Erziehung des Sultan war so erfolgreich, dass er jetzt seinerseits zum Erzieher des Tempelherrn wird. Er versucht ihn in seiner Wut und Enttäuschung darüber, dass Nathan nicht sofort vom „junge(n) Mann“ zum „Sohn“ (V. 2178) übergeht, zu mäßigen (V. 2786). Darüber hinaus unternimmt er den Versuch der gezielten Einflussnahme auf das weitere Verhalten des Tempelherrn mit den Worten „Laß / Dich weisen! Geh behutsam! Gib ihn nicht / Sofort den Schwärmern deines Pöbels preis!“ (V. 2797 ff).
An der Erziehung des Tempelherrn, an der Nathan, Saladin und Recha mitwirken, werden die psychologischen Schwierigkeiten und Rückfälle eines Lernprozesses deutlich. In einem Gespräch des Tempelherrn mit Nathan, in dem er diesen zu einem Besuch bei Recha überreden will, gelingt es Nathan, ihn zu beschämen. Nachdem der Tempelherr die Rettung Rechas in heroisch-lebensverachtendem Gestus abgetan hat, verunsichert Nathan den sich antisemitisch äußernden Tempelherrn, indem er seine Tat als „Groß! / Groß und abscheulich“ (V. 1220 f) bezeichnet. Schließlich beginnt der Tempelherr, Nathan mit seinem Namen anzureden statt mit „Jude“ (V. 1258 f). Doch als er Nathan sagt: „Ich muß gestehn, / Ihr wisst, wie Tempelherren denken sollten.“ (V. 1269 f), erteilt dieser ihm eine weitere Lektion, nämlich dass gutes Handeln nicht auf Religions- oder Ordenszugehörigkeit beschränkt sein sollte (V. 1271 f).
Als Nathan jedoch nicht sofort vom „junge(n) Mann“ zum „Sohn“ übergeht (V. 2178), als er seine Heiratswünsche vorträgt, droht wegen seiner verletzten Eitelkeit die Denunziation Nathans beim Patriarchen. Er hegt Rachegedanken gegenüber Nathan (V. 2780 ff), und als Saladin ihn fragt, ob Nathan wohl verlangen würde, dass der Tempelherr vor der Heirat zum Judentum wechselt, hält er dies für möglich (V. 2752 ff).
In einem Monolog erkennt der Tempelherr seine Fehler, indem er über seine Wut auf Nathan nachdenkt und sich die Frage stellt, „ob in (ihm) der Christ Noch tiefer nisten (sollte) als in (Nathan) der Jude“ (V. 3237 f). Er weist sich selbst zurecht (V. 3273) und zeigt Reue und den willen zur Umsetzung seiner Einsicht. Nathan gegenüber gesteht er, dass er ihn beim Patriarchen verklagt hat, und zur Wiedergutmachung seiner Fehler schlägt er erneut die Heirat Rechas vor, damit Nathan seine Tochter nicht weggenommen werden könne (V. 3424 ff).
Nachdem Nathan die Eheschließung abermals verweigert, da er, wie er sagt, ihren Bruder gefunden habe, bei dem der Tempelherr um Rechas Hand anhalten müsse, wird dieser wiederum verunsichert, da er befürchtet, Recha müsse die „Christin (...) unter Christen“ spielen, obwohl sie Jüdin sein (V. 3472 f). Als der Bruder in der letzten Szene jedoch noch nicht anwesend ist, unterstellt der Tempelherr Nathan Betrug: „Er hat / Ihr einen Vater aufgebunden: wird / Er keinen Bruder für sie finden?“ (V. 3754 ff).
Als Nathan schließlich die Identität von Rechas Bruder bekannt gibt, schreckt der Tempelherr zunächst vor der neuen Situation zurück. Doch schließlich wird er einsichtig, akzeptiert Recha als Schwester und erkennt: „Ihr (Nathan) gebt / Mir mehr, als Ihr mir nehmt! Unendlich mehr!“ (V. 3804 f). Er sorgt sich sogar um das Wohlergehen Rechas, weil Nathan ihr ihren Christennamen Blanda zurückgibt und er dies für eine Verstoßung hält (V. 3808 ff). Trotz einiger Rückfälle war die Erziehung des Tempelherrn erfolgreich. Er konzentriert sich nun nicht mehr nur auf sich und ist zum guten Handeln an seinen Mitmenschen fähig.
Lessings Herausgabe der Wolfenbütteler Fragmente – umfangreichen Partien aus einem sehr bibelkritischen Werk von Samuel Reimarus – verwickelte ihn in eine scharfe Auseinandersetzung mit der Kirche, besonders mit dem Hamburger Pastor Melchior Goeze. Da ein Kabinettsbefehl Lessing schließlich die Publikation weiterer Teile des Reimarus – Nachlasses untersagte, machte er das „Theater zu (seiner) Kanzel“, wie er selbst sagte, um weiterhin seine aufklärerischen und erzieherischen Absichten öffentlich machen zu können. Neben der grundsätzlichen Darstellung der Erziehbarkeit und der Notwendigkeit der Erziehung hat Lessing in seinem Drama „Nathan der Weise“ versucht, einzelne Erziehungsinhalte wie zum Beispiel Humanität und Toleranz seinen Zeitgenossen nahe zu bringen.
Gliederung
A)
- Erziehung und Erziehbarkeit als wesentlicher Bestandteil der Aufklärung
- „Nathan der Weise“ von
G. E. Lessing als Werk der Aufklärung
B) Nathan, die Hauptperson des Dramas, als Repräsentant der Vorstellung von der Erziehung und Erziehbarkeit der Menschen
I.
Die Selbsterziehung Nathans
a) Verbitterung über den Verlust der Familie
b) Rückkehr und Gebrauch der Vernunft und Ergebenheit in Gottes Ratschluss
c) Annahme des Christenkindes Blanda/Recha
II.
Die Erziehung Rechas
a) Erziehung zum Gebrauch des Verstandes
b) Erziehung zur Bescheidenheit
c) Erziehung zum Handeln
III.
Die Unerziehbarkeit Dajas
a) Dajas Unbelehrbarkeit und Nathans Kapitulation
b) Dajas egoistische Europasehnsucht führt beinahe zur Denunziation Nathans
IV.
Die Erziehung Saladins
a) Toleranz gegenüber anderen Religionen
b) Solidarität gegenüber Nathan
c) Saladin als Erzieher des Tempelherrn
V.
Die Erziehung des Tempelherrn
a) Rein verstandesmäßige Erkenntnis der Wahrheit
b) Rückfall aus verletzter Eitelkeit
c) Einsicht und Wille zur Umsetzung der Einsicht
d) Erneuter Rückfall durch Misstrauen
e) Anwendung seiner verstandesmäßigen Wahrheit
C)
- Publikationsverbot für Lessing nach Herausgabe der Wolfenbütteler
Fragmente
- Lessing macht
Theater zu seiner „Kanzel“ und verfasst Drama
© 2001Eva-Maria Schäfer
zurück zu