Dürrenmatt: Die Physiker

Literarische Charakteristik: Mathilde von Zahnd

 

Friedrich Dürrenmatt ist einer der bedeutendsten Theaterdichter des 20. Jahrhunderts. Eine berühmte Tragikkomödie von ihm ist „Die Physiker“, in der Fräulein Mathilde von Zahnd eine Hauptrolle spielt.

Mathilde von Zahnd ist Irrenärztin in ihrem privaten Sanatorium „Les Cerisiers“ irgendwo in der Schweiz. Sie ist eine etwa 55-jährige „bucklige Jungfer“ (S. 12), also unverheiratet und kinderlos. Gemäß ihres Berufs ist sie stets mit einem weißen Ärztekittel und einem Stethoskop bekleidet (S. 12, 24).

Das Fräulein Doktor ist der „letzte nennenswerte Sproß“ einer „mächtigen autochthonen Familie“ (S. 12). Sie ist die einzige Tochter des Geheimrates August von Zahnd, eines Wirtschaftführers (S. 24), der sein Kind „hasste (...) wie die Pest“ (S. 24). Außerdem ist sie die Enkelin des Generalfeldmarschalls Leonidas von Zahnd (S. 26) und die Nichte des Kanzlers Joachim von Zahnd (S. 24). Somit entstammt sie einer gut-bürgerlichen, wohlsituierten Familie, deren Mitglieder alle angesehene, höhere Positionen innehatten. Sämtliche Angehörige ihrer Familie sind verrückt (S.28 / 29), so dass es verwunderlich wäre, wenn sie selbst „normal“ sei, wie sie behauptet.

Dadurch, dass reiche Patienten sie beerben (S. 28), für die Behandlung „horrende Preise“ bezahlen müssen (S. 12) und sie Alleinerbin einer namhaften Familie ist (S. 29), besitzt sie Unsummen an Geld und hatte damit die Gelegenheit, die Villa, den ehemaligen Zahndschen Sommersitz, in ein „Irrenhaus“ umzubauen. Dort sind jetzt „vertrottelte Aristokraten, arteriosklerotische Politiker (...), debile Millionäre, schizophrene Schriftsteller, manisch-depressive Großindustrielle usw., kurz die ganze geistig verwirrte Elite des halben Abendlandes“ (S. 12) untergebracht. Diese prominenten Patienten verdankt sie nicht nur ihrer mächtigen „autochthonen Familie“ (S. 12), sondern auch ihrem Ruf als Philanthrop, also als Menschenfreund (S. 12). Sie ist Psychiater von Weltruf (S. 12): „Ihr Briefwechsel mit C. G. Jung (einem bedeutenden Tiefenpsychologen) ist eben erschienen“ (S. 12). Dementsprechend hat sie auch eine große Berufserfahrung und hält sich selbst für unfehlbar (S. 27).

Fräulein Mathilde von Zahnd ist schwer zu charakterisieren, da sie sich, je nach szenischer Situation, den Gegebenheiten anpasst. Sie ist also im negativen Sinn anpassungsfähig. Gegenüber ihren Angestellten verhält sie sich autoritär, gibt knapp und herrisch Anweisungen und duldet keine Widerrede (S. 30). In ihrem Gespräch mit dem Inspektor im ersten Akt zeigt sich die „Irrenärztin“ selbstbewusst, versucht sich jedoch bei ihm beliebt zu machen, indem sie ihm das Trinken von Kognak und das Rauchen erlaubt, obwohl es eigentlich verboten ist. Sie verbessert den Inspektor jedes Mal, dass er nicht von Mörder und Mord, sondern - nicht wertend - von Täter und Unglücksfall reden solle (S. 24 f.). Im zweiten Akt geht sie jedoch dazu über, selbst wertend, den Inspektor zu beeinflussen. Sie spricht von den Physikern als Mörder und belastet diese verbal. Fräulein von Zahnd hat jedoch auch ein großes Einfühlungsvermögen, ist sehr freundlich und überaus höflich. Dies wird in der Szene mit der Familie Rose deutlich. Mit fast schon übertriebener Freundlichkeit macht die „Irrenärztin“ Frau Rose klar, dass „das Leben (...) weiterzublühen“ habe (S. 31). Oder etwas später sagt sie schmeichlerisch: „Prächtige Buben, (...) Sie dürfen mit Vertrauen in die Zukunft blicken“ (S. 32). Das Fräulein Doktor findet genau die tröstenden und bestärkenden Worte, auf die Frau Rose wartet, und bestätigt, dass ihre Heirat die richtige Entscheidung war (S. 35).

In der Szene, in der sie den drei Physikern ihre Pläne mit der Weltformel offenbart, kommt jedoch Fräulein von Zahnds wahrer Charakter zum Ausdruck. Sie scheint die einzige Verrückte zu sein, obwohl sie von sich sagt, sie wäre normal, da sie sich für die „Auserwählte Salomons“ hält (S. 82). Sie hat von Anfang an die drei Physiker durchschaut, die bei ihr in der Irrenanstalt in Behandlung sind. Sie erkannte, dass Möbius im Besitz der Weltformel ist und Newton alias Kilton und Einstein alias Eisler Geheimagenten aus Ost und West sind, die Möbius für ihre Seite gewinnen wollen. Die Irrenärztin „betäubte (Möbius), jahrelang, immer wieder, und photokopierte die Aufzeichnungen Salomos, bis (sie) auch die letzten Seiten besaß“ (S. 82). Möbius vernichtete also vergebens seine Unterlagen. Mathilde von Zahnd hat im Prinzip wohl Minderwertigkeitskomplexe, da alle Angehörigen ihrer Familie mächtig, berühmt und einflussreich sind. Sie ist jedoch „unfruchtbar, nur noch zur Nächstenliebe geeignet“ (S. 85). Deshalb versucht sie, skrupellos und egoistisch alle Macht über die Welt an sich zu reißen (S. 84 f.). Ihr „Trust (sollte) herrschen, die Länder, die Kontinente erobern, das Sonnensystem ausbeuten, nach dem Andromedanebel fahren“ (S. 85), so sagt sie.

Friedrich Dürrenmatt will in seinem Drama auf die Gefahr der Wissenschaftler hinweisen, von politischen Mächten ausgenützt zu werden. Dies ist ein Thema, das im 20. Jahrhundert vielfach diskutiert und auch von anderen Schriftstellern wie zum Beispiel Bert Brecht in seinem Stück „Das Leben des Galileo Galilei“ behandelt wurde.

 

Gliederung

A) Mathilde von Zahnd spielt eine der Hauptrollen in Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie „Die Physiker“.

B) Charakteristik der Mathilde von Zahnd

I. Äußere Erscheinung
a) Aussehen
b) Herkunft
c) soziale Stellung

II. Wesen
a) Umgang mit Menschen
b) Charakter

C) Die Verantwortung der Wissenschaftler ist ein im 20. Jahrhundert vielfach behandeltes Thema.

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