Tizian(ca. 1477 - 1576)
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Tiziano Vecellio wurde vermutlich gegen 1477 in Pieve di Cadore am Südhang der Dolomiten geboren; seine Vorfahren waren Bauern und Soldaten. Eine Legende behauptet, dass schon der siebenjährige Knabe aus Blumen Farbsäfte gepresst und damit auf die Hauswand eine „Madonna“ gemalt habe. Er war arm, hatte niemals Schulunterricht, zum Glück aber einen Vater, der sein Talent erkannte und ihn mit neun oder zehn Jahren nach Venedig schickte, um ihn das Malerhandwerk lernen zu lassen. Das war der Beginn einer Laufbahn, die ihn, der als Sohn angesehener, aber unbemittelter Provinzler begann, zu Reichtum und Ruhm führte.
Nachdem er bei einem Mosaikfabrikanten Zeichnen und den Umgang mit Farben gelernt hatte, trat er in die Werkstatt Giovanni Bellinis ein, der ein hervorragender Lehrer war. Da er die Leidenschaft seines Schülers für das Farbige bemerkte, zugleich auch seine Schwäche im Formalen, nötigte er ihn, beim Zeichnen zu bleiben. Aber nicht Bellini verhalf Tizian zum Durchbruch, sondern ein Mitschüler: Giorgione, der als Maler selbst unsterblich wurde. Dieser junge Mann lehnte sich gegen Bellinis starre Malweise auf und begann die Menschen so zu schildern, wie er sie sah - unmittelbar, farbig, dichterisch. Tizian war davon wie bezaubert. Die Bilder der beiden glichen einander sehr; die Gelehrten streiten sich heute noch bei vielen Bildern, welcher von beiden sie gemalt hat.
Giorgione verließ Bellini, und eines Tages folgte Tizian ihm. Als man für den neu errichteten Bau des Kaufhauses der Deutschen Fresken für die Außenwände brauchte, bekam Giorgione den Auftrag. Er übernahm die auf den Canale Grande gehende Vorderseite; die an einer engen Gasse liegende Rückseite malte Tizian aus. Bei der Arbeit sah man ihnen zu und lieferte Kommentare, vor allem aber, als die Bilder fertig waren; Tizians Arbeit erhielt das größere Lob, was Giorgione ihm nie ganz verzieh - es war das Ende ihrer Freundschaft. Tizian, der kein Verständnis für solche Missgunst hatte, vollendete, als Giorgione zwei Jahre später gestorben war, einige Werke, die sein Freund halb fertig hinterlassen hatte.
Da Giorgione tot und Bellini hochbetagt war, erhielt Tizian offiziell den Titel »Erster Maler Venedigs« und wurde bald danach beauftragt, eine Himmelfahrt Maria für die Frari-Kirche zu malen. Diese „Assunta“ hatte ein gewaltiges Format - fast sieben Meter auf drei Meter sechzig - mit riesigen Figuren in flammenden Farben. Ganz Venedig erschien zu der Enthüllung des Gemäldes, aber nur wenige spendeten ihm Beifall. Die Kirchenbehörde schob die Bezahlung des Malers hinaus; es dauerte jedoch nicht lang, da wimmelte die Kirche von Künstlern, die das Gemälde studierten und abzeichneten. Überzeugender als das wirkte aber ein Mittelsmann des spanischen Hofes. Er bot für das Bild auf der Stelle einen Beutel Golddukaten, woraufhin Tizian von seinen Auftraggebern, den Klosterbrüdern, sein Honorar bekam.
Trotz seines Erfolgs blieb Tizian seiner Heimat in den Bergen treu und kehrte stets zu ihr, wenn er Zeit hatte, zurück. Kanäle oder Gondeln wird man auf seinen Bildern selten finden; zerrissene Berghänge, knorriges Geäst des Alpenvorlandes interessierten ihn mehr. Er holte sich aus dieser Gegend die Tochter des Barbiers als Haushälterin, ein Mädchen namens Cecilia, das ihm zwei uneheliche Söhne gebar. Als Cecilia kurz nach der Geburt einer Tochter erkrankte, ließ Tizian, der sehr wohl eine begüterte Braut von Rang und Namen hätte heimführen können, einen Priester und einen Goldschmied rufen; der Priester traute das Paar, der Goldschmied brachte die Ringe.
In seiner Jugend stand Tizian noch unter dem Einfluss Giorgiones; seine Gemälde zeigten ein funkelndes Farbengemisch, das sich erst aus der Entfernung gesehen zur Harmonie vereinte, von nahem betrachtet jedoch einer fast abstrakten Fleckenkomposition glich. Das goldrote Haar seiner weiblichen Gestalten ist als „Tizianrot“ in vielen Sprachen zum festen Begriff geworden; und wirklichkeitsgetreuer als er hat niemand Akte gemalt - es waren keine glatten, kalten Marmorschönheiten, sondern lebendige Wesen.
In der weiten Hälfte seines langen Lebens verbrachte Tizian viel Zeit mit ausgedehnten Reisen von einem Fürstenhof zum anderen; er malte überall Heiligenbilder, Kaiser und Könige, Erzherzöge und Kardinäle. Auch Papst Paul III. saß ihm zu einem Porträt.
Die drei mächtigsten Rivalen, Michelangelo, Leonardo und Raffael, starben vor ihm, so dass er als der unbestrittene Meister seiner Zeit dastand. Könige ließen durch ihre Gesandten bei ihm um Gemälde von seiner Hand bitten.
In der Vielseitigkeit der Themen taten es ihm nur wenige gleich. Er malte große Altarbilder, ebenso jedoch Schilderungen von Bacchusfesten, Schäferszenen und eine fast unübersehbare Reihe von weiblichen Akten. Er schuf Schlachtenbilder, die zum Teil bis zu hundert Einzelfiguren aufweisen. Und er malte zahllose Porträts, die nicht nur sehr ähnlich waren, sondern zugleich die Persönlichkeit erfassten.
Ebenso ungewöhnlich war Tizian als Mensch. Er, der neunundneunzig Jahre alt wurde, soll nach einigen Forschern stets bei bester Gesundheit gewesen sein; er überlebte alle seine Altersgenossen und schuf bis zum Ende Hervorragendes. „Der Schäfer und die Nymphe“, eines seiner sinnlichsten Bilder, hat er mit zweiundneunzig gemalt! Während einer Pestepidemie, die 50000 Menschen dahinraffte, ein Viertel der Bevölkerung Venedigs, starb er und wurde selbst als Toter noch ausgezeichnet: Während man die Leichen sonst nachts auf Karren lud und in Kähnen zur Bestattung auf eine abgelegene Insel schaffte, wurde Tizian feierlich in der mit seinen Gemälden geschmückten Frari-Kirche beigesetzt.
Man hat sein Schaffen in vier Perioden eingeteilt.
1. Frühzeit, etwa 1500-1518. Tizian bleibt zunächst in der Nähe Bellinis, dann Giorgiones: Zigeunermadonna und Kirschenmadonna (um 1503). Die ersten datierten Werke sind Fresken am Kaufhaus der Deutschen (1508), die Tizian gemeinsam mit Giorgione ausführte, In diese Zeit fallen auch die Zeichnungen zum „Trionfo della Fede“, die in Holz geschnittene friesartige Darstellung eines Triumphzuges Christi . Die "Himmlische und irdische Liebe" (1514), ist das berühmteste Werk aus Tizians Frühzeit. Ans Ende gehören "Der Zinsgroschen" und Bildnisse wie die Flora und der Mann mit dem Handschuh.
2. Der Anfang dieser Periode ist durch die Himmelfahrt Maria, die „Assunta“, gegeben (1518), das Ende durch die Madonna des Hauses Pesaro und die Ermordung des Paulus Martyr (1528-30). Tizian hat jetzt eine Weite und Größe der Komposition, eine Pracht und Fülle erreicht, die den Geist der Hochrenaissance in einer zugleich persönlichen und allgemeinen Weise zum Ausdruck bringen. Weitere Werke dieser Zeit: Bacchanal, Venusfest, Bacchus und Ariadne.
3. In der Zeit von etwa 1530-50 tritt Tizians Eigenschaft als Bildnismaler beherrschend hervor. Er vermag es, den Menschen in Glanz und Pracht des äußeren Auftretens darzustellen, ohne dabei etwas an tiefdringender Charakterisierung zu opfern, die mit den verschiedensten Mitteln erreicht ist, nicht zuletzt durch die Farbe. Höhepunkte solcher Menschenschilderung sind das Bildnis Pauls III. im Lehnstuhl, das des gleichen Papstes mit Allessandro und Ottavio Farnese, Karl V. sitzend und zu Pferde in der Schlacht bei Mühlberg.
4. In seiner Spätzeit wandte sich Tizian wieder ausschließlicher der großen Komposition zu, deren dramatisches Leben sich steigert, vor allem durch die Anwendung von Licht-Schatten-Gegensätzen: Danae (1554) Grablegung (1559, Nymphe mit Schäfer, Dornenkrönung (1570/71). In der Verwendung der Farbe als eines Mittels, unnennbare geistig-seelische Schwebungen sichtbar zu machen, hat Tizian in seiner Spätzeit ein Letztes erreicht.
© 1999 Eva Schäfer
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