Interpretieren Sie die vorliegenden Gedichte von Eduard Mörike (1804 – 1875) und Ernst Stadler (1883 – 1914) unter Berücksichtigung von Inhalt, Sprache und Form. Arbeiten sie dabei die unterschiedliche Gestaltung des Motivs „Frühling“ heraus. Gehen Sie auch der Frage nach, inwiefern Stadlers Gedicht der Literatur des Expressionismus zugeordnet werden kann.

Das Motiv „Frühling“ hat Dichter der verschiedensten literarischen Epochen immer wieder beschäftigt. Auch Eduard Mörike, ein Vertreter der Biedermeierzeit, und Ernst Stadler, ein Expressionist, befassten sich mit dieser Thematik in ihren Gedichten „Er ist ’s“ und „Vorfrühling“, die im Folgenden interpretiert werden.

Das Gedicht „Er ist ’s“ von Eduard Mörike beinhaltet den nahenden Frühling. Es lässt sich gedanklich in drei Abschnitte gliedern. In den Verszeilen 1 – 6 wird der Frühling personifiziert dargestellt, der ein blaues Band flattern lässt. Frühlingshafte Düfte durchziehen das Land und die ersten Veilchen sind bereits zu erwarten. Im zweiten Teil fordert das lyrische Ich den Leser auf hinzuhören und den ankommenden Frühling gleichsam akustisch wahrzunehmen (V. 7). In den Versen 8 und 9 schließlich wird der Frühling direkt angesprochen und seine Ankunft erwähnt.

Das Gedicht besteht formal aus einer einzigen Strophe mit insgesamt neun Verszeilen. Es erinnert somit an eine einfache Liedstrophe.

Das Reimschema lautet a, b, b, a, c, d, c, e, d. Somit werden die ersten vier Verszeilen in einem umfassenden Reim zusammen gehalten, obwohl gedanklich die ersten sechs Zeilen zusammen gehören. Bei den nächsten fünf Verszeilen liegt ein Kreuzreim vor, in den als vorletzte Zeile ein nicht reimender Vers eingeschoben ist. Vordergründig scheinen inhaltliche und formale Gliederung nicht überein zu stimmen. Der Dichter erreicht jedoch mit dieser Gestaltung eine Verknüpfung der inhaltlichen Dreiteilung durch die Reime.

Die Verse 1, 4, 5, 7 und 8 weisen eine männlich Kadenz auf, die Verse 2, 3, 6 und 9 eine weibliche. Dies ist bedeutsam für den Sprachfluss im Zusammenhang mit dem gegebenen Metrum.

Dieses ist ein durchgehender Trochäus, was bedeutet, dass streng alternierend betonte und unbetonte Silben wechseln. Somit ergibt sich beim Zusammentreffen von männlicher Kadenz und betonter Silbe des Versanfangs ein Stocken im Redefluss. Dies bewirkt ein gedankliches Innehalten. Bewegung wird im Gedicht auch erreicht durch die unterschiedlich langen Verszeilen. So finden sich in den Versen 1 – 4 vier Hebungen, in den Versen 5, 6, 8 und 9 drei Hebungen und in der Verszeile 7 fünf Hebungen.

Der gedanklichen Gliederung entspricht auch die syntaktische Einheit. Die Zeilen 1 und 2, sowie 3 und 4 sind durch Enjambements verbunden, die Zeilen 5 und 6 durch eine Satzreihe. Die verbleibenden drei Verszeilen beinhalten Ausrufe.

Hinsichtlich der Sprache fällt auf, dass vorwiegend Verben der Bewegung und der Tätigkeit verwendet werden, so „flattern“ (V. 2), „streifen“ (V. 4), „träumen“ (V. 5), „kommen“ (V. 6), „horch“ (V. 7), „vernommen“ (V. 9). Weiterhin tragen zur stimmungsvollen Wirkung des Gedichts die vielen Adjektive und Adverbien bei: „blaues“ (V. 1), „süße“ (V. 3), „wohlbekannte“ (V. 3), „ahnungsvoll“ (V. 4), „balde“ (V. 6) und „leiser“ (V. 7). Die Substantive kommen im Allgemeinen erwartungsgemäß aus dem gedanklichen Bereich „Natur“.

Das Gedicht ist schließlich von vielen rhetorischen Stilmitteln geprägt. Am Anfang fallen Personifikationen auf wie der Frühling selbst, der „sein blaues Band“ (V. 1), welches beim Leser den Himmel assoziieren lässt, durch die Lüfte flattern lässt. Ebenso werden die Düfte personifiziert, die das Land streifen. Und letztlich „träumen“ die Veilchen und „wollen balde kommen“ (V. 5f). Daneben werden die unterschiedlichen Sinnesbereiche angesprochen: Der Frühling mit seinem Band und die Veilchen werden visuell wahrgenommen, der Harfenton akustisch und die Düfte als Geruch. Dadurch und durch die Personifikationen wird der Frühling für den Leser unmittelbar erlebbar. Auch klanglich finden sich im Gedicht Verbindungen, so durch die Alliteration „blaues Band“ (V. 1) und die „Ü“-Vokale bei „Lüfte“ (V. 2), „süße“ (V. 3) und „Düfte“ (V. 3).In Vers 7 wird zunächst der Leser vom lyrischen Ich direkt angesprochen und unmittelbar in das Geschehen einbezogen. In den letzten beiden Verszeilen dann wird der Frühling als „du“ angeredet, somit vermenschlicht und vergegenwärtigt. Daraus ergibt sich auch, dass in den Versen 1 – 6 die Natur eher objektiv dargestellt wird, während in den Versen 7 – 9 die persönliche Beziehung zwischen Leser, lyrischem Ich und dem Frühling hergestellt wird. Besonders hervorgehoben ist die 7. Verszeile mit ihrer Anrede, dem gefühlsbetonten Ausruf, dem 5-hebigen Metrum und dem Herausfallen aus dem Reimschema. Diese Zeile stellt den Gipfelpunkt des Gedichts dar, in der das lyrische Ich den Frühling wieder erkennt.

Eduard Mörike spricht in seinem Gedicht den nahenden Frühling in Einzelheiten an, die eher idyllisch Details der Natur wiedergeben. Der Dichter stellt in seinem Werk seine subjektiven Empfindungen in Bezug auf die Ankunft des Frühlings dar. Der Text ist gefühlsbetont und entspricht der kleinbürgerlichen Sichtweise des menschlichen Lebens in der Biedermeierzeit. Mörike gehört zu den Bürgern, die sich unbeeindruckt von den Forderungen der Französischen Revolution und den politischen Gegebenheiten ins bürgerliche Leben zurückzogen, ohne sich von ihrer Sichtweise der Dinge abzuwenden und sich neuen Dingen zuzuwenden.

Im Gedicht „Vorfrühling“ von Ernst Stadler verlässt das lyrische Ich die Stadt und erfährt außerhalb das Kommen des Frühlings. In einer Nacht im März geht es aus dem Haus auf die Straße, wobei es das Erleben des Frühlings vor die Stadt hinausführt. In der zweiten Strophe empfindet es vermehrt das frühlingshafte Geschehen und geht deutend auf seine Gefühle ein. Durch den Lufthauch wird es von Unruhe gepackt. Es sieht auf den Acker hinaus, wohin es die Dämmerung des Morgens blicken lässt. Gleichsam, wie es in die Weite blickt, sieht es in die Zukunft. Es werden zwar noch einzelne Wahrnehmungen des lyrischen Ichs erwähnt, diese sind jedoch nur noch schemenhafter Hintergrund. Im Vordergrund steht nunmehr sein eigenes Empfinden, die Unruhe, die ihn zunehmend erfasst. So wird in der letzten Strophe seine Umgebung nur mehr symbolhaft wiedergegeben. Die Natur tritt immer mehr ins Belanglose zurück, die Umwelt spiegelt ausschließlich die Gefühle des lyrischen Ichs, die Unruhe und den Aufbruch wider.

Das Gedicht gliedert sich formal in drei Strophen mit je vier Verszeilen. Eine besondere Strophenform liegt hierbei nicht vor. Das Reimschema ist ein Kreuzreim (abab, cdcd, efef) mit durchgehend reinen Reimen. Diese treten jedoch durch die unterschiedliche Länge der Verszeilen in den Hintergrund und werden erst bei genauer Analyse bemerkt. Stadler verwendet in seinem Gedicht ein konventionelles Reimschema, das dem Inhalt seines Gedichts zu widersprechen scheint. Das Zerbrechen des Herkömmlichen widersetzt sich der geschlossenen Form.

Die ersten beiden Strophen weisen einen Wechsel von männlicher (a bzw. c) und weiblicher (b bzw. d) Kadenz auf. In der dritten Strophe liegen nur weibliche Kadenzen vor.

Das Gedicht besitzt im Gegensatz zu dem Gedicht „Er ist ’s“ kein regelmäßiges Metrum, sondern ist rhythmisiert, das heißt die Betonung ergibt sich aus dem natürlichen Wortakzent. Die Zahl der betonten Silben wechselt von sechs bis elf Hebungen. Dieser Rhythmus spiegelt das Zerbrechen der äußeren Formen im Expressionismus wider und versinnbildlicht die Unruhe und die Aufbruchsstimmung, die das Gedicht ausdrückt.

In der Regel entspricht eine Verszeile einer syntaktischen Einheit. Es treten allerdings auch Enjambements auf (V. ¾, V. 7/8). Dabei entsprechen zum Teil zwei Verse einem Satz, oder aber Sätze enden inmitten einer Verszeile, was das Vorwärtsdrängen und die Bewegung zum Ausdruck bringt.

Zu dieser Bewegung des Gedichts tragen des Weiteren starke, expressive Verben bei, wie zum Beispiel „trat“ (V. 1), „aufgewühlt“ (V. 2), „schlugen“ (V. 3), „ausgespannt“ (V. 5), „rollten“ (V. 6), „dehnte“ (V. 7). Dadurch dass Stadler anstelle von Adjektiven zahlreiche Partizipien verwendet, wird die Dynamik weiter verstärkt.

Das Gedicht ist weiterhin von einigen rhetorischen Stilmitteln geprägt und somit vom Dichter bewusst gestaltet. Stadler verwendet überaus viele ungewöhnliche Wortkombinationen, die im natürlichen Sprachgebrauch nicht üblich sind. So sind beispielsweise Straßen „aufgewühlt“ (V. 2) vom „Saatregen“, der mit der Farbe „grün“ (V. 2) verbunden wird. Mit den Worten „Winde schlugen an“(V. 3) bezeichnet er einen Vorgang, den der Wind verursacht, jedoch nicht selbst direkt erbringt. In der dritten Verszeile liegt eine Personifikation vor: Die „verstörte Häusersenkung“ wird vermenschlicht und so dem Leser anschaulich nahegebracht. Ein ebenfalls ungewöhnliches Bild erscheint bei den Worten „meinem Herzen schwoll ein neuer Takt entgegen“. Hiermit bezeichnet der Dichter die Unruhe und die Bewegung, die das Kommen des Frühlings beim lyrischen Ich bewirken. Ebenso liegen in der zweiten Strophe sowohl eine ungebräuchliche Wortkombinationen vor: „In jedem Lufthauch war ein junges Werden eingespannt“ (V. 5) als auch zahlreiche Bilder und Metaphern wie die „starken Wirbel“, die „im Blute rollten“ (V. 6), der Acker, der sich „dehnt“ (V. 7) und die „Bläue hoher Morgenstunden“, die in den „Horizonten eingebrannt“ ist (V. 8). In der dritten Strophe schließlich verwendet Stadler den onomatopoetischen Ausdruck „knirschen“ (V. 9), mit dem er dem Leser Unmittelbarkeit vermittelt. Auch dieser Abschnitt ist wiederum von ungewöhnlichen Wortkombinationen geprägt: Das Abenteuer „bricht aus allen Fernen“ (V. 9) und „In meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten Fahnen“ (V. 12). Mit dieser Wortwahl erreicht Stadler, dass das Geschehen dem Leser anschaulich vermittelt wird.

Ernst Stadler gibt in seinem Gedicht mittels der Motivik „Frühlingsbeginn“ die leidenschaftliche Intensität des neuen Lebensgefühls wieder. Der Dichter wollte kein Naturgedicht verfassen, in dem er den Beginn einer neuen Jahreszeit in seiner subjektiven Empfindung niederschreibt, sondern ein Gedicht, das die Aufbruchsstimmung der expressionistischen Zeit vermittelt. Die Ruhelosigkeit der Natur ist eine Unruhe in ihm selbst. Auf Grund dessen erkennt er die Echtheit seines Gefühls in der Übereinstimmung mit dem Naturgeschehen. So wie der Frühlingssturm den Auftakt gibt zu neuem Leben, so glaubt der Dichter, dass auch der Mensch aufgerüttelt werden muss, vorwärtsdrängen muss, selbst in unbekannte Fernen, um zu neuen Erkenntnissen, zu letzter Wahrheit zu gelangen. Ein neuer Mensch soll geschaffen werden, eine gewandelte Welt, ein neues Lebensgefühl.

Die beiden Gedichte „Er ist ’s“ von Eduard Mörike und „Vorfrühling“ von Ernst Stadler entstammen unterschiedlichen Epochen und wurden von den Dichtern aus unterschiedlichen Gründen verfasst. Mörike gibt in seinem Werk sein subjektives Empfinden in Bezug auf den Frühlingsbeginn wieder, während Stadler ein typisch expressionistisches Gedicht verfasst, in dem er vor dem Hintergrund der Ankunft der neuen Jahreszeit die Aufbruchsstimmung und Unruhe im Expressionismus darstellt. Obwohl diese beiden zwar motivgleichen Gedicht sehr unterschiedlich sind, sind sie dennoch beide auch in der heutigen Zeit lesenswert.

  
Gliederung:

A) „Frühling“ als beliebtes Motiv in der Lyrik

B) Interpretation der Gedichte „Er ist ’s“ von Eduard Mörike und „Vorfrühling“ von Ernst Stadler.

I) „Er ist ’s“ von Eduard Mörike
    a) Inhalt
    b) Formale Gestaltung
        1. Strophe
        2. Reim
        3. Kadenz
        4. Metrum
        5. Satzbau
        6. Sprachliche Besonderheiten
        7. Rhetorische Stilmittel
    c) Gehalt

II) „Vorfrühling“ von Ernst Stadler
    a) Inhalt
    b) Formale Gestaltung
        1. Strophe
        2. Reim
        3. Kadenz
        4. Metrum
        5. Satzbau
        6. Sprachliche Besonderheiten
        7. Rhetorische Stilmittel
    c) Gehalt

C) „Er ist ’s“ von Eduard Mörike und „Vorfrühling“ von Ernst Stadler sind trotz unterschiedlicher Epochenzugehörigkeit und Aussage auch heute noch lesenwert.

 

© 2001 Eva Schäfer

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